Das Ende der großen Zauberer


Die Geschichte der Philosophie wird meist als Abfolge genialer Einzelpersonen wahrgenommen. Spätestens für die 1920er Jahre ist diese Sichtweise überholt.

Max Beck, Nicholas Coomann, Christoph Demmerling | DER TAGESSPIEGEL

Zentrale Akteure der Kritischen Theorie: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.Jeremy J. Shapiro/CC BY-SA 3.0

Die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts gelten nicht erst seit Wolfram Eilenbergers Bestseller „Zeit der Zauberer“ (2018) als letzte große Epoche der Philosophie. Die meisten heutzutage diskutierten philosophischen Ansätze haben hier ihren Ursprung. Eilenberger bezieht den Titel auf vier prominente Figuren: den Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, den Literaturwissenschaftler und Essayisten Walter Benjamin, den Zeichen- und Kulturtheoretiker Ernst Cassirer und den „Seinsphilosophen“ Martin Heidegger. Die Werke der genannten Autoren beschäftigen bis heute Generationen von Geisteswissenschaftlern.

In der Fokussierung auf einzelne erratische Persönlichkeiten geht jedoch verloren, dass philosophische Argumente sich immer auch in intellektuellen Netzwerken und Kooperationen entwickelten. Das zeigt der Blick auf die späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre. In dieser Zeit entstanden im deutschsprachigen Raum drei philosophische Ansätze von nachhaltigem Einfluss: Die Kritische Theorie („Frankfurter Schule“), der Logische Empirismus („Wiener Kreis“, „Berliner Gruppe“) und die Philosophische Anthropologie („Kölner Konstellation“). Nicht Einzelpersonen entwickelten sie, sondern Forschungskollektive in interdisziplinären Arbeitszusammenhängen.

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