Physiker Harald Lesch über Leben, Corona und Religion: „Mein Verhältnis zur Welt entscheidet mein Christsein“


Die Wissenschaft kann vieles berechnen. Aber in Wirklichkeit sind es natürlich die Lebensqualitäten, die unser Leben ausmachen, meint TV-Moderator und Astrophysiker Harald Lesch. In der Corona-Krise ist jedoch beides wichtig.

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Harald Lesch ©KNA

DOMRADIO.DE: Nichts ist berechenbar. Zahlen und Gleichungen sollen nicht die Herrschaft über unser Leben übernehmen. Das ist die zentrale These in dem Buch „Unberechenbar“. Ist das ein Eingeständnis, dass auch die Wissenschaft am Ende fehlbar ist?

Prof. Dr. Harald Lesch (Astrophysiker, TV-Moderator und Autor): In dem Buch steht nicht drin, dass nichts berechenbar ist. Vieles ist berechenbar, aber vor allen Dingen ist nicht alles berechenbar. Und wenn wir dann eben die Hoffnung in den Zahlen suchen, dann wird es schwierig. Unsere These lässt sich eigentlich auch so zusammenschreiben: Die Qualitäten sind wichtiger als die Quantitäten.

Und wir haben uns in den letzten 200 Jahren im Rahmen der Durchökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche immer mehr und mehr auf die Zahlen verstanden und versucht, aus den Zahlen alles abzulesen. Aber in Wirklichkeit sind es natürlich die Lebensqualitäten, die unser Leben ausmachen. Und da haben wir doch vieles den Maschinen, der Technologie und auch der Ökonomie so unterworfen, dass wir uns dann wundern, wenn die Dinge dann nicht mehr so funktionieren, wie wir uns das berechenbar vorgestellt haben. Und das Corona-Virus zeigt uns ja gerade ziemlich deutlich, wo es langgeht.

DOMRADIO.DE: Und tatsächlich sind Wissenschaftler jetzt in der Krise gefragter denn je. Sie analysieren, sie prognostizieren, sie forschen. Sie liefern letzten Endes auch die Grundlagen für politische Entscheidungen. Ist das jetzt alles am Ende auch nicht viel mehr als der berühmte Blick in die Kristallkugel?

Lesch: Nein, nein. Es gibt ja durchaus Teile, wo man ziemlich gute Prognosen machen kann. Aber wir sehen ja auch hier, an allererster und vorderster Stelle steht unser Verhalten, also unsere Qualität, Masken aufzuziehen, Hygienemaßnahmen zu beachten, Abstand zu halten. Wenn wir das von Anfang an qualitativ hochwertig durchgezogen hätten, dann wären die Empfehlungen der Wissenschaft natürlich immer gewesen: Haltet das solange durch, bis wir einen Impfstoff haben.

Bei der Impfstoffentwicklung geht es tatsächlich um das Berechenbare: Wie können wir unser Immunsystem vor den Erregern schützen beziehungsweise so aktivieren und trainieren, dass es bei Erregern gut reagiert? Bei unserem Verhalten ist das anders. Da geht es um das, was wir aus den Werten unseres Lebens ableiten. Warum sollen wir uns denn überhaupt so verhalten? Natürlich um uns und die anderen zu schützen. In diesem Sinne ist das alles ein Zusammenspiel.

Die Wissenschaft kann es alleine nicht machen, aber ohne Wissenschaft wären diese Entscheidungen auch wirklich grundlos. Und dank der Wissenschaften, in diesem Fall den medizinischen Wissenschaften, wissen wir ja auch eine ganze Menge und können die Entscheidungen gut begründen.

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