„Corona beweist: Auch Populisten könnten Grund- und Freiheitsrechte nicht besser abbauen“


In seinem Buch „Die rechte Revolution. Veränderte ein Masterplan die Welt?“ legt Michael Wengraf dar, wie es zu der Umorientierung der Linken weg von sozialen Inhalten hin zu Feminismus, Anti-Rassismus, Multikulturalismus und Rechte sexueller Minderheiten kam und wie diese Entwicklung dem Neo-Liberalismus in die Hände spielt.

Reinhard Jellen | TELEPOLIS

Bild: TP

Und in seiner neuesten Publikation „Corona. Ein Essay“ expliziert er, wie ein Virus zu einem gesellschaftlichen Instrument wird, das den Abbau sozialer und kultureller Rechte noch einmal forciert. Telepolis sprach mit dem Autor.

Herr Wengraf, was verstehen Sie unter der „rechten Revolution“ und was hat ein „Masterplan“ damit zu tun?

Michael Wengraf: Ich verstehe unter „Rechter Revolution“ einen Prozess. Er beginnt ab den 1970er Jahren wirksam zu werden und ist heute noch nicht abgeschlossen. Gezielt wird darin auf eine entdemokratisierte autoritäre Welt mit Maximalprofit als oberstes Gebot. Auffallend ist seine Ganzheitlichkeit, alle gesellschaftlichen Ebenen werden einbezogen. Auf der sozialen kommt es zu Verelendung der Unterschichten, während auf der Bewusstseinsebene eine one world erzeugt wird. Die Menschen sind in einer Matrix gefangen, die Alternativlosigkeit vorgaukelt. Sie ist weit gediehen. Soweit, dass das Wallstreet Journal meint, das neoliberale Programm sei nicht mehr auf demokratischem Weg abwählbar.

Das abstrakte Fassen und geistige Antizipieren dieses Prozesses reicht allerdings viel weiter zurück als in die 1970er Jahre. Es beginnt im Wien der Zwischenkriegszeit mit den ideologischen Stammvätern des Neoliberalismus Ludwig Mises und Friedrich Hayek. Sie entwarfen eine Strategie, wie Marktliberalismus, Deregulierung, Sozialabbau und Austerität nicht nur in die Praxis umgesetzt werden, sondern auch die Köpfe der Menschen bestimmen. Das wurde später kontinuierlich weiterentwickelt. Und hier sind wir beim „Masterplan“.

„Regiert wird ohne Parlamente“

Inwiefern nützt Corona dieser Art Politikumstellung?

Michael Wengraf: Auf vielfache Weise. Zum Beispiel, indem Kommunikation und Kollektivität verhindert werden. Orte der Zusammenkunft gibt es kaum mehr, kleine Gaststätten, Kaffeehäuser und Bars sind – und bleiben wahrscheinlich! – geschlossen. Homeoffice und Homeschooling atomisieren die Menschen und verhindern gemeinsamen Widerstand. Außerdem werden im Zuge der Covid 19-Maßnahmen Klein- und Familienbetriebe im Interesse der großen, globalen Akteure beseitigt. Lockdowns überleben die meisten von ihnen ja nicht. Hier wird also ein der „Rechten Revolution“ eingeschriebener Vernichtungskrieg vollendet.

Zudem befördert Corona verdinglichtes Denken. Es wird die neoliberale Mär verbreitet, Covid-19 sei für das Dahinsiechen der „Wirtschaft“ verantwortlich. Ein Narrativ, das uns vorgaukelt, die ökonomische Krise wäre nicht den Betreibern des marktradikalen Turbokapitalismus, sondern einer unbeherrschbaren Naturgewalt geschuldet. Am deutlichsten erkennbar ist aber, dass Corona perfekt neoliberale Vorstellungen von autoritärer Herrschaft verwirklicht. Viele Grundrechte wie Versammlungs- und Demonstrationsrecht sind nun außer Kraft. Regiert wird ohne Parlamente mittels Verordnungen und Ausnahmeregelungen.

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