Polen zur NS-Zeit: Zeugnis ablegen bis zur „Aussiedlung“


Den sicheren Tod vor Augen entwarfen 15 Juden in den Jahren 1943/44 eine „Enzyklopädie des Ghettos Litzmannstadt“ – als ihr Vermächtnis. Dabei mussten sie immer wieder eine Art Tarnsprache verwenden.

Jens-Jürgen Ventzki | Süddeutsche Zeitung

Eingepfercht auf engstem Raum: Juden im Ghetto Lodz 1942; links Hans Biebow, Leiter der deutschen Verwaltung. (Foto: Universal Images Group via Getty)

Der Winter 1943/44 legte sich mit unerbittlicher Härte und Strenge über das Land. Dreieinhalb Jahre schon dauerte das unermessliche Leiden der Menschen im Ghetto Lodz, Zehntausende sind bereits in diesem Krepierwinkel Europas, wie es Oskar Rosenfeld, selbst ein Gefangner der Nazis ausdrückt, umgekommen und Zehntausende in der Todesstätte Chełmno (Kulmhof) ermordet worden.

Das Schicksal der verbliebenden 80 000 Menschen zeichnete sich immer deutlicher ab. Im Sommer 1944 wurde das Ghetto von den Deutschen aufgelöst und die etwa 70 000 noch im Ghetto lebenden Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Schätzungsweise 5000 bis 7000 Menschen haben überlebt.

Sie schauten aus ihrem Büro im zweiten Stock direkt auf die Gleise einer durch das Ghetto führenden Straßenbahn. Es waren 15 Mitarbeiter im „Archiv des Judenältesten“, die in einer unverkennbar auswegloser werdenden Lage einen gewagten Plan verfolgten: Sie wollten in einer Enzyklopädie die „lexikale Kulturgeschichte des Ghettos Litzmannstadt“ (Oskar Rosenfeld) zu Papier bringen, wobei sie ihr verstärktes Augenmerk auf die vielfältige, besondere Sprache dieser unfreiwilligen, von Hunger, Elend und Tod betroffenen Gemeinschaft legten. Was für ein mutiges und vorausschauendes Projekt!

weiterlesen