Jan Assmann: Nationalismen und Religion verschmelzen in autoritären Regimen


Kulturwissenschaftler und Blumenberg-Professor Assmann beleuchtet am Exzellenzcluster in Münster das wechselvolle Verhältnis von Religion, Kultur und Politik vom Alten Ägypten bis in die Moderne – Errungenschaften des Alten Ägypten seien lange vergessen worden – „Mit der EU kehren religiöse Ur-Themen wie Frieden zurück“ – „Autoritäre Regime wie Putins Russland, Netanyahus Israel oder Dudas Polen suchen Verschmelzung mit traditionellen Religionen“

idw

Prof. Dr. Jan Assmann, , Martin Kraft

Nationalismus und Religion verbünden sich nach den Worten des renommierten Kulturwissenschaftlers und Blumenberg-Professors Jan Assmann immer mehr in autoritär geführten Staaten weltweit. „Putins Russland, Erdogans Türkei, Modis Indien, Netanyahus Israel, Dudas Polen, Orbans Ungarn, sogar Trumps USA sind Beispiele dieser Tendenz in antidemokratischen, autoritären Regimen“, sagte der Ägyptologe am Dienstagabend am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. „Weil der Nationalismus im Grunde religiös ist, erliegt die traditionelle Religion solcher Indienstnahme.“ So sei es im NS etwa der Strömung der „Deutschen Christen“ ergangen. In seinem Vortrag über Religion und Kultur vom Alten Ägypten bis heute führte Assmann aus: „Dem Nationalismus gilt die Nation als das Heiligste. Er ist keine Ersatzreligion, die sich, wie der Kommunismus, an die Stelle der Religion setzt. Im Gegenteil, er sucht sich mit ihr zu verbünden, ja zu verschmelzen.“

In modernen Gesellschaften stünden Religion und Staat in vielfachen Wechselbeziehungen, sagte der Hans-Blumenberg-Gastprofessor am Exzellenzcluster. Dass die Moderne die Religion hinter sich gelassen habe, sei ein Irrglaube. „Mit der Säkularisierung verschwindet das Heilige nicht aus der Welt.“ Die Europäische Union (EU) trage ebenfalls religiöse Züge: „Auch die EU hat eine Mission, auch ihr ist etwas heilig, nämlich das zu verwirklichen, aus dessen Katastrophe sie hervorgegangen ist: Frieden, Freiheit und Menschenrechte“, sagte der international angesehene und vielfach ausgezeichnete Ägyptologe. „Auch sie beruht auf einem Bund: der europäischen Völker, die sich diesem Ziel verschworen haben; einer Verheißung: Frieden und Gerechtigkeit für alle, und einem Glauben: dem Glauben an den Menschen, seiner Fähigkeit zu globaler Solidarität und zur Einsicht, das verheißene Ziel erreichen zu müssen, um auf diesem Planeten überleben zu können.“ Assmann unterstrich, die Gegenwart kehre auf neuer Ebene zurück „zu den Ur-Themen der Religion: Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit.“

Mit Israel im 6. Jh. v. Chr. erstmals Trennung von Religion und Kultur

Assmann erforscht seit Jahrzehnten das Verhältnis von Religion und Politik von antiken Kulturen bis zu neuzeitlichen Gesellschaften und hat die Arbeiten am Exzellenzcluster maßgeblich geprägt. Der Vortrag trug den Titel „Religion und Kultur: Ägypten – Israel – Europa“ und beleuchtete den Wandel im Verhältnis von Religion und Kultur seit der Antike bis heute. Im Alten Ägypten war Religion demnach noch mit Kultur identisch. Religion sei allumfassend gewesen, so der Forscher, und mit dem ägyptischen Begriff „Ma’at“ wiederzugeben, der Kult, Recht und kosmische Ordnung umfasste. Ohne die Errungenschaften des Alten Ägypten seien auch Athen und Jerusalem – die griechisch-römische Antike und der abrahamitische Monotheismus – nicht denkbar, auf denen wiederum unsere heutige westliche Kultur beruhe. „Athen verdanken wir Philosophie, Wissenschaft und Demokratie, Jerusalem verdanken wir die monotheistisch-trinitarische Religion.“ Doch lange sei vergessen worden, wie sehr das Alte Ägypten, das Athen und Jerusalem zweitausend Jahre voranging, diese geprägt habe. Der Forscher legte Errungenschaften wie Staat und Schrifttheorie des pharaonischen Staates dar.

Eine neue Form von Religion, die zwischen Religion und Kultur unterschied und die die Kultur der Religion unterstellte, entstand nach den Worten von Jan Assmann mit Israel im 6. Jahrhundert vor Christus. „Diese neue Religionsform emanzipiert sich auch vom Staat. Sie unterscheidet zwischen Gott und Welt und führt den Begriff des Glaubens ein, der den Abstand zwischen Transzendenz und Immanenz überwindet.“ Das Christentum wiederum habe das „Zeitalter des Glaubens“ heraufgeführt, indem es die neue Religion allen Völkern zugänglich machte und durch rasche Ausbreitung die Alte Welt revolutionierte. Mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion sei ein Dualismus von weltlicher und geistlicher Macht entstanden, der auch im Mittelalter immer wieder zu Spannungen führte.

Bis in die Neuzeit sei die Emanzipation der Religion vom Staat bestimmend geblieben, so der Kulturwissenschaftler. „Der Rückschlag, die Emanzipation des Staates von der Religion, die Säkularisierung, setzte mit Renaissance und Reformation ein und ist bis heute nicht abgeschlossen.“ Das Heilige sei nicht aus der Welt verschwunden, es habe sich aber verlagert: in die Nation in Form von Nationalismus und Zivilreligion, in die Kunst in Form der Kunstreligion, für die etwa Beethoven stand, sowie in die Natur in Gestalt des Pantheismus, der zwischen Gott und Welt nicht unterscheidet.

Im Programm der Blumenberg-Gastprofessur folgen ein Workshop mit Jan Assmann über das kulturelle Gedächtnis in Zeiten des digitalen Medienwandels und eine Masterclass „Religion – Gewalt – Gedächtnis“ mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs des Forschungsverbundes sowie fortgeschrittenen Studierenden. Die „Hans-Blumenberg-Gastprofessur für Religion und Politik“ ist nach dem einflussreichen Münsteraner Philosophen Hans Blumenberg (1920–1996) benannt und soll dazu beitragen, innovative Impulse nach Münster zu bringen, und die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit am Exzellenzcluster stärken. Im Sommersemester 2021 folgt der Sozialwissenschaftler Marc Helbling von der Universität Mannheim mit Forschungen zu Integration, Xenophobie und der dynamischen Rolle von Religion in der Politik.