„NSU 2.0“ droht wieder


Walter-Lübcke-Schule erhielt kurz nach Urteil im Prozess um Ermordung des Namensgebers Bombendrohung. Frage nach Netzwerken rund um den oder die Täter bleibt aktuell

Claudia Wangerin | TELEPOLIS

Grafik: TP

Bereits einen Tag nach der Urteilsverkündung im Prozess um den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist bei der nach ihm benannten Schule in Wolfhagen eine Bombendrohung eingegangen. Dies berichtete erst am Montagnachmittag der Hessische Rundfunk, nachdem die Drohmail am Freitag erst mit Verspätung entdeckt worden sei. Die Polizei nimmt demnach die Drohung ernst, hält sich aber aus ermittlungstaktischen Gründen bedeckt.

Nach Informationen des Senders wird in dem Schreiben auf den „NSU 2.0“ verwiesen. Mit dieser Signatur waren bereits ab der zweiten Jahreshälfte 2018 Anwältinnen und Anwälte der Nebenklage aus dem Münchner NSU-Prozess sowie Politikerinnen und Journalisten bedroht worden, nachdem persönliche Daten von Betroffenen über Polizeicomputer abgefragt worden waren. Im Sommer 2020 waren ein bayerischer Ex-Polizist und dessen Ehefrau als Verdächtige festgenommen worden, es schien sich jedoch um Trittbrettfahrer zu handeln. Die Absender eines Großteils der Drohmails mit dem Kürzel „NSU 2.0“ gelten nach wie vor als unbekannt.

Ebenfalls nicht aufgeklärt sind mögliche Verbindungen von Stephan Ernst, der am Donnerstag wegen Mordes an Walter Lübcke vom Oberlandesgericht Frankfurt am Main zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, zum originalen „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), dem bisher bundesweit zehn Morde in den Jahren 2000 bis 2007 zugeordnet werden. Das Oberlandesgericht München hat im Juli 2018 Beate Zschäpe als Vollmitglied der rechtsterroristischen Vereinigung NSU und Mittäterin in allen zehn Mordfällen verurteilt – vier Mitangeklagte jedoch nur als Unterstützer.

Alle Angeklagten im NSU-Prozess stammten aus Ostdeutschland, mehrere Nebenkläger und ihre Anwälte waren jedoch überzeugt, dass es bei der bundesweiten Mord- und Anschlagsserie auch an westdeutschen Tatorten lokale Unterstützer oder sogar Mittäter gegeben hatte – zum Beispiel beim Mord an Halit Yozgat im April 2006 in Kassel. Eine direkte Anwesenheit am Tatort zur rekonstruierten Tatzeit wurde dem damaligen Verfassungsschützer Andreas Temme nachgewiesen, der menschliche „Quellen“ sowohl im Bereich Islamismus als auch im Bereich Rechtsextremismus geführt hatte. Im NSU-Verfahren war Temme jedoch nur mehrmals als Zeuge geladen und behauptete jedes Mal steif und fest, den Mord in Yozgats Internetcafé nicht bemerkt zu haben, als er an einem der Rechner gesessen hatte.

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