Lüdecke: Entlastung Woelkis ist für Kanonisten nicht nachvollziehbar


2015 hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki von einem Missbrauchsfall erfahren. Doch er meldete ihn nicht nach Rom, wie es das geltende Recht anscheinend vorsah. Die Glaubenskongregation kommt nun aber zu einem anderen Schluss – den Kirchenrechtler Norbert Lüdecke nicht nachvollziehen kann. Ein Interview.

Felix Neumann | katholisch.de

Medienberichten zufolge sieht der Vatikan keine Versäumnisse im Verhalten des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki im Umgang mit dem „Fall O.“: Woelki hatte 2015 erfahren, dass gegen einen ihm gut bekannten Priester glaubwürdige Missbrauchsvorwürfe vorliegen – und den Fall nicht nach Rom gemeldet. In den damals geltenden „Normae de[…] gravioribus delictis“ heißt es in Artikel 16: „Wann immer der Ordinarius oder Hierarch eine mindestens wahrscheinliche Nachricht über eine schwerwiegendere Straftat erhält, muss er nach Durchführung einer Voruntersuchung die Kongregation für die Glaubenslehre darüber informieren.“ Die Glaubenskongregation soll der zuständigen Bischofskongregation die Einschätzung mitgeteilt haben, dass Woelki nicht pflichtwidrig gehandelt habe. Der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke hat Zweifel an der römischen Rechtsauslegung – doch dieser Umgang mit dem Recht habe Methode.

Frage: Herr Lüdecke, für den Laien klingt die damals geltende Vorschrift sehr eindeutig. Gibt es da überhaupt Interpretationsspielraum?

Lüdecke: Das klingt nicht nur für Laien eindeutig, das ist auch aus fachlicher Sicht eindeutig: Bei einem auch nur wahrscheinlichen Verdacht ist zu untersuchen, und unabhängig vom Ausgang der Untersuchung ist zu melden. Punkt. Übrigens ist die Norm nicht erst von 2010 – es ist unverändert die Norm von 2001, die 2010er-Überarbeitung hat daran nichts geändert.

Frage: Kardinal Woelki begründet sein Vorgehen mit der fortgeschrittenen Demenz des mutmaßlichen Täters, daher habe er keine Voruntersuchung begonnen. Könnte das einen Entscheidungsspielraum eröffnen?

Lüdecke: Nein. Zu klären ist, ob ein Tatverdacht besteht, damit die Kongregation das weitere Vorgehen bestimmen kann. Sinn der Sondernormen des Papstes war es, dem Versagen der Bischöfe in der Verfolgung solcher Taten durch eine vorgängige Kontrolle entgegenzuwirken.

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