«Ich halte es für gerechtfertigt, Älteren jetzt auch einen schlechteren Corona-Impfstoff zu verabreichen»


Da die Wirksamkeit der Impfstoffe laut derzeitigem Kenntnisstand unterschiedlich ist, könnten manche Menschen einen schlechteren Schutz erhalten. Wir haben die Bioethikerin Nikola Biller-Andorno gefragt, was ethisch vertretbar ist.

Stephanie Lahrtz | Neue Zürcher Zeitung

Ein mobiles Team impft eine 81-Jährige in Istanbul. In der Türkei können Ältere und Kranke, die ihre Wohnung nicht verlassen können, auf Antrag zu Hause geimpft werden. Chris Mcgrath / Getty

In der Schweiz sind bis jetzt zwei ähnlich wirksame, in Deutschland bereits drei, teilweise unterschiedlich effektive Corona-Impfstoffe zugelassen. Weitere Vakzinen befinden sich in den Startlöchern. Doch die von den Herstellern präsentierten Effektivitäten reichen von gut 60 bis fast 95 Prozent. Da Impfwillige naturgemäss den bestmöglichen Schutz durch eine Impfung wollen, weckt das Begehrlichkeiten und Ängste. Die Bioethikerin Nikola Biller-Andorno von der Universität Zürich nimmt dazu Stellung.

Frau Biller-Andorno, ist es unethisch, älteren Menschen, die ja auf einen sehr guten Impfschutz angewiesen sind, einen weniger guten Impfstoff anzubieten?

Ich halte es derzeit für gerechtfertigt. Die Situation ist im Augenblick sehr komplex und verändert sich rasch. Es gibt Unsicherheiten sowohl auf der Ebene des Wissens als auch auf der Ebene der Verfügbarkeit. Zudem gibt es den Widerstreit zwischen der Public-Health-Perspektive, vulnerable Populationen möglichst schnell zu schützen, und der individuellen Perspektive, die Vakzine mit dem besten Nutzen-Risiko-Profil zu erhalten.

Momentan ist kein Land in der Lage, alle zugelassenen Impfstoffe gleichermassen anbieten zu können. Dann würde man also erst einmal sagen: Ein 60-Prozent-Schutz ist doch besser als nichts. Unter der Voraussetzung, dass wir zumindest eine gewisse Einschätzung haben, wie es mit den Nebenwirkungen aussieht.

Nehmen wir allerdings für die Zukunft folgendes Szenario an: Es gibt die Vakzine A. Die ist sehr gut. Es gibt die Vakzine B, die ist nicht ganz so gut. Wie haben beide zur Verfügung, aber nicht in ausreichendem Masse für alle. Dann könnte man gezielt priorisieren. Aber wir müssen dafür klare Kriterien definieren. Wenn wir manchen Gruppen prioritär die bessere Impfung zukommen lassen wollen, dann müssen die Kriterien dafür transparent sein. Es muss klar sein, welche Argumente dahinterstehen.

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