Wenn Romantik Rassismus gebiert


Der Herr der Ringe erlebt hin und wieder den Vorwurf, rassistische Schablonen zu nutzen. Oberflächlich betrachtet scheint dies nicht unbegründet zu sein: Da sind die entrückt-überlegenen Elben und die Menschen mit „edlen“ und „weniger edlen Blutlinien“ auf der einen, die Orks und die sozusagen mit Fantasy-Genetik herangezüchteten Uruk-Hai auf der anderen Seite. Letztere sind durch und durch böse, zerstörerisch und bestienartig.

Ruben Philipp Wickenhäuser | TELEPOLIS

Obergruppenführersaal mit Schwarzer Sonne in der Wewelsburg. Bild: Dirk Vorderstraße / CC-BY-2.0

Begegnet wird diesem Vorwurf neben der zeitgenössischen gesellschaftspolitischen Einordnung des Werkes unter anderem damit, dass die „Guten“ ihre Welt nur dadurch retten können, dass sie sich zu einer quasi „multiethnischen“ Gruppe zusammenschließen: Der Gemeinschaft des Ringes. Und dass in Gestalt des Hobbits Frodo nicht zuletzt ausgerechnet derjenige, der am wenigsten mit Hierarchien, edlem Betragen und Blutlinien in Verbindung gebracht wird, eben aus diesem Grunde als einziger den Akt der Errettung vollziehen kann, die Zerstörung des Ringes nämlich.

Lange vor der Entstehung des literarischen Bestsellers feierte schon einmal ein Ring Furore, aber im Gegensatz zum Herrn der Ringe erwies dieses Stück sich als Magnet für rassistisches Gedankengut.

Ein Blockbuster des 19. Jahrhunderts begeisterte Nationalisten und Völkische

Die Begeisterung für fantastische Geschichten mit historischem Hintergrund ist an sich kein neues Phänomen. Die Sage des Odysseus zählt zum klassischen Bildungskanon, und auch die Erzählungen der großen Religionen können auf eine langanhaltende Popularität zurückblicken. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nahm die sehnsüchtige Rückbesinnung in Gestalt des „Neo-“ Fahrt auf, darunter Neoromanik, Neogotik und Neorenaissance.

n den romantischen Traumbildern vom efeuumflorten Helden und lichterfüllten Königinnen, im floralen Jugendstil, in der betonkernigen Burgarchitektur von Alltagsgebäuden lag gewiss zuvorderst die Sehnsucht nach einer guten, den weltlichen Nöten entrückten Welt, die Geborgenheit versprach. Von dem Potential solch romantischer Darstellungen zeugt, dass diese Stilrichtungen auch heute noch eine starke Faszination auszuüben vermögen und männliche, zunehmend auch weibliche Ritter und Magier eine enorme Anziehungskraft entfalten. Filmserien, Fantasierollenspiele und Serienaufrufe belegen dies.

Die Oper kam dem romantisch veranlagten Zeitgeist wohl am wirkmächtigsten entgegen. Wohl am bekanntesten ist Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner, der alle Elemente einer Erzählung des „High Fantasy“ enthält: Drachen, Zwerge, Ritter, Magie (Ring und Schatz inklusive), darüber hinaus die Aura des märchenhaften Traumlandes, das je nach Bühnenbild zeitgenössische Gestalt annehmen konnte und dies heute noch regelmäßig tut. Dieses Traumland war an sich ebenfalls nicht neu, aber hier wurde es für das Publikum unmittelbar mit Augen und Ohren wahrnehmbar.

Im 19. Jahrhundert, als das Radio erst erfunden werden musste und wo an Fernsehen noch nicht zu denken war, muss die Bombastik der Oper die Gäste zutiefst bewegt haben. Die Filmmusik zeigt auch heute noch die emotionale Wirkmächtigkeit einer geschickten musikalischen Untermalung: An sich seichte Filmszenen erhalten dadurch eine enorme Durchschlagskraft, sei es auf machtvolle, sei es auf romantische oder auf tragische Weise.

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