„Erasmus verstand sich als Bürger der Welt“

Erasmus porträtiert von Hans Holbein dem Jüngeren (1523)

Auf Erasmus von Rotterdam nimmt nicht nur die Europäische Union mit ihrem Programm zur Förderung eines Studiums im Ausland Bezug, sondern seit kurzem auch eine politische Stiftung, die einer Partei nahesteht, die kaum mit Kosmopolitismus in Verbindung gebracht werden dürfte. Wer also war dieser Renaissance-Denker? Die Humanistische Akademie ist auf einer Tagung dieser Frage nachgegangen. Nun sind die Beiträge als Sammelband erschienen, beleuchten nicht nur Leben und Werk des Erasmus, sondern auch den Humanismus seiner Zeit und die Geschichtspolitik derer, die ihn vereinnahmen. Der hpd sprach mit Herausgeber Ralf Schöppner über die Perspektiven auf den Humanisten.

Martin Bauer | hpd.de

hpd: Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) hat eine parteinahe Stiftung, die nach Erasmus von Rotterdam benannt ist. Nach einem alten, weißen Mann mit judenfeindlichen Einstellungen – passt doch, oder?

Ralf Schöppner: Alte weiße Männer sind etwas in Verruf geraten, gewiss nicht zu Unrecht, aber doch wohl allzu pauschal. Mir scheint auch, das wird immer mehr zu einem bloßen Reflex, der das Nachdenken ersetzt und Meinungen allein durch Hinweis auf Sprecherposition delegitimieren soll. Erasmus war christlicher Humanist und Religionskritiker, seine Schriften wurden von Rom auf den Index gesetzt, er wetterte gegen den Judaismus, nicht gegen Juden. Aber das ist kompliziert und es lohnt sich, die Buchbeiträge von Hildegard Cancik-Lindemaier und Enno Rudolph dazu zu lesen.

Als die AfD die Desiderius-Erasmus-Stiftung als parteinahe Stiftung anerkannte, wurden aber seriöse Stimmen laut, die Erasmus Judenfeindlichkeit vorwarfen, Micha Brumlik beispielsweise. Lässt sich dem etwas entgegensetzen?

Diese Wortmeldung wird aufgegriffen im Buch. Die Quellen der Studie von 1969, auf die Brumlik sich bezieht, sind quantitativ dürftig und ihre Interpretation philologisch fragwürdig. Unsere Autorin analysiert subtil Erasmus‘ Originaltext. Erasmus hat nicht wie Luther gegen Juden gehetzt, war aber von einem zeitgenössischen theologischen Antijudaismus mitgeprägt. Auffällig ist eher, dass er als Humanist und Universalist nicht auch die reale jüdische Verfolgungsgeschichte kommentierte und das Gewaltpotenzial seiner rhetorischen Figuren erkannte. Das Buch zeigt aber vor allem die vielfältigen heutigen Anschlusspotenziale von Erasmus auf: seinen Kosmopolitismus, seinen Einsatz für Freiheitsrechte, seinen Pazifismus, seine Toleranz, seine behutsame Humanität.

Was wissen wir eigentlich über Erasmus von Rotterdam? Können wir belastbare Aussagen treffen, was der Mann wirklich dachte oder wird er nur als Projektionsfläche genutzt?

Die AfD nutzt ihn sicherlich als Projektionsfläche. Die Buchbeiträge von Gideon Botsch und Maren Behrensen analysieren ihre geschichtspolitischen Strategien. Wir kennen das umfangreiche Werk von Erasmus, haben um die dreitausend erhalten gebliebene Briefe, aus denen wir auch viel zur Person erfahren, es gibt eine Reihe von Biografien. Das spricht alles eine ganz andere Sprache. Das hat nichts zu tun mit völkischem Nationalismus, Rechtsextremismus, Populismus, Autoritarismus. Es ist das genaue Gegenteil.

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