Corona: Rückgang der Fallzahlen durch natürliche Immunität


Während Lockdowns kaum Wirkung zeigen, bremst nun der erhebliche Anteil derer, die nach einer Infektion immun sind, die Ausbreitung des Virus

Joachim Guilliard | TELEPOLIS

In den meisten europäischen Ländern sind die Corona-Fallzahlen von ihren zeitweiligen Spitzenwerten zurückgegangen. Auch in Deutschland bewegen sie sich ungefähr wieder auf dem Niveau von Ende Oktober. Die Regierungen von Bund und Ländern wollen dies nun darauf zurückführen, dass der von ihnen verordnete harte Lockdown nach acht Wochen endlich wirkt. Um „diesen Erfolg nicht zu gefährden“, wurde er um weitere vier Wochen verlängert. Auch die meisten Medien führen den Rückgang ungeprüft auf den Lockdown zurück.

Belege dafür bleiben sie schuldig. Belastbare Daten dazu und über das Infektionsgeschehen allgemein wurden nicht erhoben. Die Verantwortlichen waren bisher nicht willens oder nicht fähig, entsprechende Studien durchführen zu lassen, mit deren Hilfe man abschätzen könnte, welche der verschiedenen Maßnahmen tatsächlich etwas zum Rückgang der Fallzahlen beigetragen haben und wenn ja, wieviel. Dabei wäre dies zur Beurteilung ihrer jeweiligen Verhältnismäßigkeit an sich zwingend geboten.

Vieles spricht allerdings dagegen, dass abendliche Ausgehverbote, rigide Beschränkungen privater Kontakte, das Schließen von Restaurants und kulturellen Einrichtungen oder eine der sonstigen massiven Restriktionen eine deutliche Wirkung hatten, die über die der selbstverständlichen Maßnahmen wie Einhaltung von Hygieneregeln, Abstandhalten und Selbstisolation von Infizierten oder das Verbot von größeren Veranstaltungen, hinausgehen.

Wenn die Infektionszahlen nun nach etlichen Wochen oder Monaten mitten im Winter zurückgehen, so ist das wahrscheinlich viel mehr auf den inzwischen erheblich gewachsenen Anteil von Menschen zurückzuführen, die nach einer Infektion bereits immun sind, und so für das sorgen, was Wissenschaftler eine „kleine Herdenimmunität“ nennen.

Kein erkennbarer Effekt harter Lockdown-Massnahmen

Allein die lange Dauer der Lockdowns in Deutschland und anderen europäischen Ländern sowie die sehr unterschiedliche Entwicklung ihrer Fallzahlen, trotz ähnlicher Restriktionen, sprechen gegen die ihnen unterstellte, direkte Wirkung. Obwohl Frankreich und Spanien bereits ab Ende August immer schärfere Maßnahmen verhängten, blieben die Infektionsraten dort bis heute relativ hoch, höher als z.B. in der Schweiz, wo Maßnahmen erst wesentlich später und weniger restriktiv verhängt wurden oder in Schweden, das weiterhin auf einen Lockdown verzichtete. Mittlerweile sind die Zahlen der positiv Getesteten und der Todesfälle in nahezu allen Ländern zurückgegangen ‒ unabhängig von ihrer Anti-Corona-Politik.

Auch eine Reihe von Studien über die Effektivität von Lockdowns im Frühjahr deutet auf einen höchstens geringen Nutzen hin. Die Einflussfaktoren auf die Ausbreitung des Corona-Virus sind natürlich vielfältig und komplex sowie zum Teil auch zufällig.

So kam eine im November veröffentlichte Studie von Quentin De Larochelambert und Kollegen zum Schluss, dass das Risiko von Menschen eines Landes, an Covid-19 zu sterben, überwiegend von einer ganzen Reihe länderspezifischer Faktoren wie geographische Lage, Umwelt, Lebenserwartung, Altersstruktur und Qualität des Gesundheitssystems abhängt.

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