Martin Heidegger hat alle möglichen Anhänger, von Grünen bis zu Apokalyptikern


Er hat die europäische Tradition des Denkens auf den Kopf gestellt. Er war zwischendurch ein Nationalsozialist. Und ja, Martin Heidegger lohnt auch heute die Lektüre – mit der nötigen Distanz.

Hans Ulrich Gumbrecht | Neue Zürcher Zeitung

In seiner Schwarzwälder Hütte, ganz ohne Technik: Der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889–1976) dachte lieber hoch im Schwarzwald als unten in der Stadt.Digne Meller Marcovicz / bpk

Was hat uns Martin Heidegger heute (noch) zu sagen? Kein anderer Denker des vergangenen Jahrhunderts hat eine ähnlich grosse Zahl ganz verschiedener Intellektueller so unwiderstehlich inspiriert und so nachhaltig irritiert wie er. Grüne und Feministinnen, moderne Metaphysiker und Apokalyptiker – sie alle werden in Heideggers Werk fündig und schwören ihm deshalb geistige Treue. Umgekehrt kritisieren ihn Rationalisten unterschiedlichen Schlages mit derselben Leidenschaft für sein philosophisches Geraune.

Heideggers Zweideutigkeit

Engagierte Ökologen feiern im Begriff eines «Wohnens», das als Harmonie mit der Landschaft dem «Bauen» vorausgehen soll, die Vorwegnahme ihrer eigenen höchsten Prinzipien und vereinnahmen dann auch gleich noch Heideggers komplizierte Reflexionen zur Technik kurzerhand für eine beliebte Fortschrittsfeindlichkeit. Kritiker hingegen halten die permanent zur Schau gestellte Naturnähe (im «wilden Schneesturm» der Schwarzwaldhütte setze «die hohe Zeit der Philosophie» ein) für unerträglichen existenziellen Kitsch.

In der Philosophie des Feminismus hat ihm ein lebenslanges Nachdenken über die «Sorge» – als eine angeblich von Frauen verkörperte Dimension des Lebens und ein Substitut mutmasslich männlicher Handlungsorientierung – überraschende Prominenz eingebracht. Kritiker wiederum sehen darin bloss das Klischeebild der sich selbst aufzehrenden, zur Tat unfähigen Frau.

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