Missbrauchsvorwürfe in der Kirche: Warum noch Mitglied sein?


Das Problem mit der Kirche ist weitreichender als der jüngste Skandal nahelegt, bei dem versucht wurde, sexuellen Missbrauch zu vertuschen.

Michael Herl | Frankfurter Rundschau

  • Die Kirche genießt nicht gerechtfertigte Privilegien.
  • Gesellschaftliche Akzeptanz bringen der Kirche Frauen ein, die nicht gleichgestellt sind.
  • Der Skandal um sexuellen Missbrauch in der Kirche ist jedoch nur ein Teil des falschen Ganzen.

Eigentlich ist Klaus-Dieter ein aufgeklärter Mensch, politisch, kritisch und diskussionsfreudig. Einmal aber stockte er. Das Gespräch war auf das Thema Kirchenaustritte gekommen, und eher nebenbei erwähnte Klaus-Dieter, er sei noch immer Mitglied.

Die Runde blickte ihn ungläubig an. Einer fragte: „Etwa auch noch bei den Katholiken?“ Klaus-Dieter nickte. „Aber warum denn, um Himmels Willen?“, raunte die Runde nahezu einmütig. „Damit ich“, antwortete Klaus-Dieter leise, „besser behandelt werde, wenn ich mal ins Krankenhaus komme.“ Die Runde schwieg betreten. Was ist denn mit dem los?

Interessant war, dass selbst er keine rationalen Argumente zu seiner Verteidigung aufbringen konnte. Tickt etwa tief in seinem Innern eine kleine böse Unruh, die nur dazu da ist, ihn einen Tick katholisch zu halten? Ein perfides Schwungrädchen, das sich durch keine Vernunft der Welt aus dem Takt bringen lässt? Das ihn jeden Monat wie einst die unterjochten Bauern nahezu ein Zehntel seines Ertrags beim Klerus abgeben, also fast zehn Prozent seines Einkommens an Kirchensteuer zahlen lässt?

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