Einmal Pathoskuchen für alle


Auch heute schrillen die Alarmglocken, wenn an den Rand Gedrängte plötzlich Ansprüche stellen und Teilhabe verlangen. Schluss mit dem Rumgenöle, heißt es dann. Was der „Elendsolymp“ mit dem Sturz des Patriarchats zu tun hat.

Solmaz Khorsand | DERSTANDARD

Wer verdient das größte Stück vom Pathoskuchen? Wessen Leid den größten Raum?Foto: Getty Images

Die Journalistin Solmaz Khorsand fragt im Gastkommentar: „Wo kommen wir denn hin, wenn die Frauen, die Behinderten, die Schwulen, die Migrantinnen und all die anderen sich aus dem Elendsolymp verabschieden und sich in den Parlamenten, Redaktionen, Aufsichtsräten und Theaterhäusern wiederfinden?“

Für Feinschmecker der Aufmerksamkeitsökonomie gibt es ein begehrtes Gut: den Pathoskuchen. Wir alle wollen ein Stück davon. Umso mehr, wenn wir erkennen, wie viele dafür anstehen und mit Vehemenz das Größte für sich beanspruchen.

Wer hat es denn verdient, das größte Stück vom Pathoskuchen? Die Männer? Die Frauen? Welche genau? Die Penthousebesitzerin genauso wie die Gemeindebaubewohnerin? Die Weiße genauso wie die Schwarze? Wessen Leid bekommt den größten Raum? Wessen Drama muss als Erstes adressiert werden? Bringt die Politik ins Schwitzen? Und wem widmet sich die lange, mitfühlende Reportage in der Zeitung, und wer schafft es nicht einmal in die Kurznachrichten?

Sie sehen, wie überall im Leben gibt es auch hier eine Hierarchie. Im feministischen Diskurs spricht man von den „Oppression Olympics“, dem Wettstreit darüber, wer das größte Leid, die größte Unterdrückung, die größte Diskriminierung erfährt. Bei dieser Olympiade würde die „am meisten unterdrückte“ Person als „Sieger“ hervorgehen. Geprägt hat den Begriff die mexikanisch-amerikanische Autorin und Aktivistin Elizabeth Martínez in den 1990er-Jahren. Sie appellierte an ihre Mitstreiterinnen, sich nicht in diesen Wettstreit zu verzetteln. Jedwede Form der Hierarchisierung von Bedürfnissen in verschiedenen Communitys sollte vermieden werden, sagte Martínez.

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