Welche Identität verträgt die SPD?


Würde diskutiert, wie Menschen ein weniger angsterfülltes Leben ermöglicht wird, dann ginge es auch um die Sozial- statt um Identitätspolitik. Aber wer will das in der Partei?

Peter Nowak | TELEPOLIS

Bild: TP

Der Theologe Wolfgang Thierse war lange Zeit das bärtige Gesicht der Ost-SPD. Er war für das Moralische zuständig. Während er weder zu der von seiner Partei forcierten Hartz-IV-Politik noch zu den Menschenrechtskriegen in Opposition ging, galt er doch als das „Gewissen der SPD“. Dass er sich an einer Blockade gegen Neonazis beteiligte, brachte ihm in der außerparlamentarischen Linken Sympathien ein. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag vor 8 Jahren war es still um ihn geworden.

Doch seit einiger Zeit steht er wieder im Mittelpunkt einer Debatte über die Identitätspolitik. So war einer der wenigen Politiker, der den Appell für freie Debattenräume unterschrieben hat, der sich explizit gegen eine „Cancel-Kultur“ wendet. Mit Verve wird gegen die Absagekultur und Kontaktschuld geschrieben.

Der Aufruf bleibt aber vage bei der Frage, wer damit gemeint ist. Nur so war es möglich, eine Schar an Unterzeichnern zu versammeln, an der sich erklärte Linke ebenso beteiligen wie zahlreiche Rechte. Männerrechtler Arne Hoffmann steht dort neben der erklärten Feministin Barbara Holland-Cunz und Gerhard Meggle fordert sein Recht auf Israelkritik ein. Auch regelmäßige Autorinnen und Autoren der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit sind dort zahlreich vertreten und mittendrin als einer der wenigen unterzeichnenden Politiker a.D.: Wolfgang Thierse.

„Mit mir müssen sie in der alten deutschen Sprache reden“

Mit der Kritik an Identitätspolitik hat der Politiker außer Dienst wohl ein neues Thema gefunden, mit dem er noch auf Zustimmung der schweigenden Minderheit zählen kann, wie er stolz berichtet. Mit Beiträgen in der FAZ und einem Interview im Cicero wurde Thierse zur positiven Projektionsfläche all jener, die nicht nur mit den Gendersternchen fremdeln.

Das zeigte sich gleich bei Thierses Antwort auf eine Frage des Cicero-Journalisten mit dem Wörtchen „woke“:

Herr Thierse, auf einer Skala von null bis Hengameh Yaghoobifarah, wie woke sind Sie?

Mit mir müssen Sie in der alten deutschen Sprache reden. Sonst verstehe ich Sie nicht.

Das heißt, Sie wissen nicht, was „woke“ bedeutet, und Sie kennen auch Hengameh Yaghoobifarah nicht?

Doch, ich kenne beides. Aber ich bin an einer Stelle leicht störrisch, wie Sie merken. Ich möchte mich nicht immerfort dem Sprachgebrauch anderer unterwerfen müssen. Wir haben eine sich gewiss verändernde, verbindende Sprache, der ich mich gerne bediene.

Aus Cicero-Interview mit Wolfgang Thierse

Da ist es schon bemerkenswert, wie sich da ein SPD-Politiker, der mal sogar links galt, das Anliegen der „Gesellschaft für Deutsche Sprache“, den Kampf gegen das Eindringen englischer Begriffe in die deutsche Sprache, zu eigen macht.

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