Ende offizieller Gewissheiten im „Fall Amri“


Auch eine bisher unbekannte Person könnte beim Lkw-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Steuer gesessen haben. Neues Gutachten stützt bekannten Verdacht

Claudia Wangerin | TELEPOLIS

Krankenwagen und Polizei am Abend des Anschlags auf dem Breitscheidplatz. Foto: Andreas Trojak / CC BY 2.0

Der Verdacht, dass Anis Amri vielleicht doch nicht der Haupttäter des Lkw-Anschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 war, steht seit fast einem Jahr im Raum. Bei der Vernehmung von Polizeizeugen im Untersuchungsausschuss des Bundestags war nicht grundlos immer wieder nachgehakt worden, ob sie Amris genaue Rolle bei dem Attentat überhaupt ausermittelt hätten, nachdem er tot war und dementsprechend kein Prozess gegen ihn bevorstand.

Ein neues rechtsmedizinisches Gutachten beweist nun zwar nicht das Gegenteil der bisher offiziellen Tatversion, zeigt aber einmal mehr, dass sie nicht einfach als Tatsache behauptet werden kann. Und es zeigt schwere Versäumnisse bei den Ermittlungen, denn die Haupttäterschaft ist damit völlig unklar. Die Person, die am Steuer saß, als der Lkw in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt raste, könnte zwar Amri gewesen sein. Sie könnte aber auch noch irgendwo unerkannt leben.

Das Gutachten, dass der Ausschuss beim Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Schleswig-Holstein in Auftrag gegeben hatte, lag am Montag dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vor, das daraus zitierte: Es sei „nicht ableitbar, dass eine bestimmte Person (zum Beispiel Amri) den Lkw gefahren“ oder sich lediglich „als Beifahrer in der Führerkabine aufgehalten hat“.

Zweite Person hinterließ „in vergleichbarem Ausmaß DNA-Spuren“

Dafür habe eine unbekannte zweite Person, die im Gutachten als UP2 bezeichnet wird, „in vergleichbarem Ausmaß DNA-Spuren im Lkw-Führerhaus hinterlassen wie Amri“. Deshalb sei es „grundsätzlich nicht auszuschließen bzw. verglichen mit Amri nicht weniger oder mehr plausibel, dass UP2 den Lkw gefahren haben kann“.

Untersucht hatten die Sachverständigen des Instituts sowohl die Spuren in der Fahrerkabine als auch DNA-Spuren an der Pistole, mit der Amri den Lkw-Fahrer Lukasz Urban erschossen haben soll, bevor das Fahrzeug benutzt worden war, um auf dem Breitscheidplatz elf weitere Menschen zu töten und Dutzende zu verletzen.

„Es kann nicht sicher festgestellt werden, dass die bei Amri sichergestellte Waffe auch die Tatwaffe war, die gegen Urban eingesetzt worden war“, heißt es in dem Gutachten. Das Projektil und das nach dem Schuss übrig gebliebene Projektilfragment, „die bei der Obduktion Urbans aus dessen Schädel gesichert worden waren, waren zu deformiert, um eine ballistische Zuordnung zur oben genannten Waffe zu ermöglichen“.

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