Hat das nackte Leben kein Recht auf Schutz?


Manche Politiker, Juristen und Philosophen halten es in der Corona-Krise für human, Leben und Freiheit gegeneinander auszuspielen. Welch ein Irrtum.

Mark Siemons | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Prüfung einer Schutzmaske in einem Labor in Essen. Bild: dpa

Wenn der italienische Philosoph Giorgio Agamben von „nacktem Leben“ spricht, gebraucht er einen Begriff, den er selber hochgradig aufgeladen hat. In seinem Hauptwerk „Homo sacer“ bestimmte er so den Zustand, auf den der Staat Menschen reduzieren kann, wenn er ihnen alle ihre bürgerlichen Rechte nimmt. Dieses aus dem Bereich der Politik ausgeschlossene „Leben“ ist dann freigegeben für Misshandlungen aller Art bis hin zur Tötung, die sich die politische Ordnung sonst verbietet. Ein Ausnahmezustand wird so installiert, den Agamben von der altrömischen Rechtsfigur der „Homines sacri“ her entwickelte, die ohne Strafe getötet, aber auch nicht den Göttern zum Opfer gebracht werden dürfen, und bis hin zum Holocaust verfolgte.

Im Lauf des letzten Jahres hat Agamben eine neue, weit über das philosophische Milieu hinausreichende Prominenz bekommen, indem er diese Kategorie auf die Corona-Politik anwendete. Seine Interventionen hat er nun auf Deutsch unter dem Titel „An welchem Punkt stehen wir?“ im Verlag Turia + Kant veröffentlicht. Die kurz gefasste Antwort: „Wir erleben das Ende der bürgerlichen Demokratie“, weil die Corona-Politik auch der westlichen Staaten die Menschen auf das nackte Leben, „ihre rein vegetative Substanz“ reduziere und dabei den Verlust all dessen in Kauf nehme, was sie zu geistigen, kulturellen, im Vollsinn menschlichen und mithin zu politischen Wesen macht. „Was ist das für eine Gesellschaft, die an nichts anderes mehr glaubt, als an das eigene Überleben?“ Es handele sich um eine jener „gleichsam objektiven Verschwörungen“, von denen Foucault gezeigt habe, dass sie auch ohne „identifizierbares Subjekt im Hintergrund“ auskommen.

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