Die Kirche braucht keinen Kardinal, sie braucht einen Insolvenzverwalter


Wie der Kölner Erzbischof Meisner einen Täter im Kardinalsrang mit Jesus verglich und von einer Stigmatisierung redete. Ist die Exkommunikation der Missbrauchspriester eine Lösung?

Heribert Prantl | Süddeutsche Zeitung

Man bucht online einen Termin, geht dann zur gebuchten Zeit zum Amtsgericht, zahlt 30 Euro Gebühr – dann kann man seine Kirchaustrittserklärung abgeben. Sie wird dort, wie das im Amtsdeutsch heißt, beurkundet. In Köln geschieht das im Justizgebäude Reichenspergerplatz 1, Erdgeschoss, Zimmer 2. Das klingt bürokratisch, das ist es auch. Aber dieser bürokratische Akt ist Teil einer römisch-katholischen Kernschmelze, die in Köln besonders sichtbar und besonders spürbar ist. Nirgendwo sonst treten so viele Katholiken aus ihrer Kirche aus. Als Anfang März vom Amtsgericht die nächsten 1500 Termine für Kirchenaustrittserklärungen freigeschaltet wurden, waren die binnen weniger Stunden ausgebucht. Die nächsten 1500 Termine werden am 1. April vergeben. Sie werden wohl noch schneller ausgebucht sein.

Verheimlichung, Vertuschung, Verharmlosung

Die Austrittserklärungen sind Misstrauenserklärungen. Die Gläubigen rebellieren gegen den Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch, sie rebellieren gegen widerliche Gewalt durch Amtsträger und dagegen, dass sie gedeckt und gefördert werden durch Nichtahndung und Versetzung. „Das ist der größte Exodus von Katholiken aller Zeiten“, sagt der Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster. Die Austritte der letzten Wochen und Monate in Köln haben sehr viel damit zu tun, dass der dortige Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki die von ihm 2019 in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie unter Verschluss hält (SZ Plus); der Münchner Rechtsanwalt Ulrich Wastl hatte Vertuschung und Verdunkelung durch die kirchlichen Würdenträger untersucht. Angesichts der allgemeinen Empörung und der Rebellion der Gläubigen will der Kardinal nun ab nächsten Donnerstag dieses Gutachten, das er als mangelhaft bezeichnet hatte, doch noch öffentlich zugänglich machen.

weiterlesen