Polen: Ein Land driftet nach rechts ab


Polens Rechtskonservative, Staatsanwaltschaft und Gerichte deuten die Geschichte des Landes und Europas um.

Artur Becker | Frankfurter Rundschau

„Gott, Ehre, Vaterland“: Hinter diesem Slogan (auf dem Plakat) versammelten sich am 11. November 2020, am Tag der Unabhängigkeit, Polens Rechte in Warschau. ©WOJTEK RADWANSKI

Im Jahr 2019 wurde Adam Michniks berühmter Essayband „Über die Geschichte der Ehre in Polen“, den er in seinen Warschauer Gefängnisjahren in den Achtzigern geschrieben hatte, wieder aufgelegt. Darin beschäftigte sich Michnik mit Texten polnischer und ausländischer Autoren, die ihm erlaubten, das Verhalten des Menschen in Zeiten des Totalitarismus zu studieren. Ich erinnere mich an fabelhafte Interpretationen der Gedichte von Czeslaw Milosz und daran, wie ich mich wunderte, dass sich Michnik, eine lebende Legende unter den Dissidenten aus dem Ostblock, der viele Freunde, aber auch Feinde hatte, als ein exzellenter Essayist entpuppte.

Der russische Schriftsteller Viktor W. Jerofejew (bitte nicht verwechseln mit Wenedikt W. Jerofejew, dem Autor von „Die Reise nach Petuschki“) publizierte 2019 in der „Gazeta Wyborcza“, deren Herausgeber Michnik ist, einen sehr persönlichen und zugleich zeitkritischen Artikel über seinen Freund Michnik und seine legendären Gefängnisessays. Jerofejew kann sich in seinem Beitrag nicht sattwundern, was die Metamorphose Polens nach 1989 angeht: Auf der einen Seite war Polen im Kampf um Freiheit im Kommunismus ein Vorzeigeland, wie auch während der ökonomischen und politischen Transformation, auf der anderen Seite geriet Polen nach dem Sieg der Rechtskonservativen mehr und mehr ins Abseits.

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