Austritt aus der Wirklichkeit


Warum treten zunehmend Leute aus der Wirklichkeit aus, Peter Sloterdijk? Der Philosoph im taz FUTURZWEI-Gespräch.

taz futurezwei

Foto: Anja Weber

taz FUTURZWEI: Lieber Herr Professor Sloterdijk, wir haben hier einen Brief von enttäuschten Lesern, die sich abwenden von dem, was wir als Vernunft verstehen, und zu den Corona-Protesten konvertieren. Wenn man das liest, denkt man, sie konvertieren von sich selbst zu etwas anderem. Uns interessiert, wie es genau funktioniert, dass angesichts einer krisenhaften Entwicklung Leute so wegkippen oder die Seite wechseln. Dem Sozialpsychologen fällt nichts dazu ein. Deshalb fragen wir den Philosophen.

Peter Sloterdijk: Ich fürchte, der Philosoph als solcher ist auch nicht imstande, hierauf sinnvoll zu antworten. Ich dürfte höchstens aus meiner eigenen Biografie schöpfen und mich daran erinnern, dass es in meiner Lebensgeschichte eine Periode gab, in der ich prekäre Erfahrungen gemacht habe, die ich nicht missen möchte, aber auch nicht festhalten konnte: das Glück, einer Sekte anzugehören, die im Besitz einer alternativen Wahrheit zu sein glaubt.

Sie lebten um 1980 in dem Meditationszentrum des Bhagwan Shree Rajneesh im indischen Pune. Was suchten Sie?

Damals gab es eine Phase, als bei uns die marxistisch codierten Rechthabe-Gefühle gegenüber dem Lauf der Welt am Verblassen waren, aber die Bereitschaft für eine alternative Wahrheit immer noch aktuell blieb, ob sie aus Indien kam oder von einem anderen Ende der Welt. Diese Neigung zu einer Konversion gegen das Gewöhnliche, so scheint mir, liegt auch heute wieder in der Luft. Jetzt wie damals wollen viele nicht glauben, dass die Vernunft bei der Mehrheit ist.

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