Zwei Gründerinnen der Reformbewegung „Maria 2.0“ gaben ihren Austritt aus der römisch-katholischen Kirche bekannt. Der Grund: Eine wirkliche Veränderung sei nicht in Sicht
Birgit Gärtner | TELEPOLIS
Es begann Anfang 2019 mit einem Lesekreis der Kirchengemeinde „Heilig Kreuz“ in Münster. Aus dem Studium des „Evangelii gaudium“, des ersten Apostolischen Schreibens von Papst Franziskus, wurde ein Gesprächskreis – vor allem von Frauen – über die aktuelle Situation in der katholischen Kirche. Immer mehr sei dabei zu Tage getreten, „dass seit Jahren die immer gleichen Fragen diskutiert werden und dass trotz der allseits beteuerten Reformbereitschaft die Abschaffung bestehender männerbündischer Machtstrukturen nicht in Sicht ist.“
Zwei der Gründerinnen von „Maria 2.0“, Lisa Kötter und Andrea Voß-Frick, kehren dem Männerbund, dem „Römischen“ am Katholizismus, nun den Rücken. Ihr Entschluss steht, sie warten nur noch auf einen Termin, denn in Deutschland muss der Kirchenaustritt bei einer staatlichen Behörde erklärt werden.
Besagtes „Evangelii gaudium“ trägt den Untertitel: „Über die Verkündung des Evangeliums von heute“. Darin ließ sich Papst Franziskus im Hinblick auf die „missionarische Umgestaltung der Kirche“ über die „evangelisierende Kraft der Volksfrömmigkeit“ aus, machte sich Gedanken zum kapitalistischen Wirtschaftssystem, soziale Ungleichheit oder Egoismus und riet zum „Ohr beim Volk“. Doch so richtig scheint Papst Franziskus nicht hingehört zu haben, denn die Diskussionsrunde in Münster fand sich in der Verkündung nicht so recht wieder.
An den Gesprächsabenden zeichneten sich insbesondere vier Themenbereiche ab, die den Anwesenden wichtig erschienen: Die Zulassung von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, die Abschaffung des Pflichtzölibats, die Akzeptanz von Homosexualität sowie eine umfassende Aufklärung aller Fälle sexualisierter Gewalt durch Amts- und Würdenträger der katholischen Kirche. Genau diese Themen trieben vor vielen Jahren schon die kürzlich verstorbene Theologin Uta Ranke-Heinemann um.
Die Frauen wollen sich Gehör verschaffen
Aus dem Diskussionskreis entstand die Initiative „Maria 2.0“. Die modernen Marias wollten mit dem Idealbild der dienenden Frau brechen, für das ihre Namensgeberin steht. Ein Frauenbild, das sie zum Schweigen verurteilt.
„Frauenlob wird gerne von Kirchenmännern gesungen, die aber allein bestimmen, wo Frauen ihre Talente in der Kirche einbringen dürfen. In ihrer Mitte dulden sie nur eine Frau: Maria. Auf ihrem Sockel. Da steht sie. Und darf nur schweigen. Holen wir sie vom Sockel! In unsere Mitte. Als Schwester, die in die gleiche Richtung schaut wie wir.“
Und diese Richtung ist Süden, der Sturm auf den Vatikan – zumindest ideell. Die Marias entschieden daher, den geschützten Rahmen ihres Diskussionszirkels zu verlassen und in die Öffentlichkeit zu treten. Die oben zitierten Sätze stammen aus einem offenen Brief an Papst Franziskus, den sie im Februar 2019 anlässlich des Sondergipfels in Rom zum Thema der sexualisierten Gewalt in der Kirche schrieben.