„Schwule Priesterpaare am Nato-Altar sind auch keine Lösung“


Zur Kritik der bürgerlichen Wohlfühl-Kirchenreform im Licht weltkirchlicher Widersprüche. Kirchenrevolte für die Liebenden

Peter Bürger | TELEPOLIS

Katholische Gläubige auf dem Weg zur Messe von Papst Franziskus in Quito (Ecuador). Bild: Agencia de Noticias ANDES / CC-BY-SA-2.0

Der Bischof von Rom repräsentiert in religiöser Hinsicht derzeit mehr als 1,3 Milliarden Menschen, einen nennenswerten Teil der Weltbevölkerung also. Papst Franziskus weiß, dass uns der Globus im Atomzeitalter um die Ohren fliegt, wenn nicht einmal die so eng verwandten drei „Abrahams-Religionen“ – einschließlich ihrer Denominationen – sich an einen gemeinsamen Familientisch hinsetzen können. Auch deshalb ist er – ungeachtet der Lamentos mancher Lokalkirchenredakteure in reichen Ländern – vom 5. – 8. März 2021 in den Irak gereist.

Im Blickfang des von den deutschen Bischöfen finanzierten Internetportals katholisch.de fand dieses wahrlich historische Ereignis zunächst nur untergeordnete Aufmerksamkeit. Dort prangte als Leitartikel mit Hauptbild am Samstag (6. März) ein Beitrag „Warum der Vatikan seine Butter in Österreich kauft„, sodann nachmittags der Text über eine „dank innovativer Lasertechnik“ mögliche „Schönheitskur für Engel“. Bei einigen erneuten Aufrufen am Sonntagnachmittag (7. März) leitete mich der redaktionelle Wochenenddienst des Mediums an erster Stelle hin zu etwas Kulinarischem: „Trierer Bischofswein„.

Man sieht, dass thematische Schwerpunktsetzungen und Informationsbedürfnisse im katholischen Spektrum höchst unterschiedlich ausfallen können. Die einen interessieren sich für Butter, Marmor-Engel und Bischofswein, andere wiederum für das historische Weltgeschehen. Die einen üben sich in exquisiten Nahrungsmitteleinkäufen und Gelassenheit, die anderen sind beunruhigt und wollen sich partout nicht abfinden mit der Welt, wie sie ist.

Kirche im zivilisatorischen Ernstfall

Es ist zu spät auf dem Planeten Erde für kleinschrittige ökologische Transformationen und ein Zuwarten auf jenen Sankt-Nimmerleinstag, an dem die demokratisch schon längst nicht mehr kontrollierbaren Konzernkomplexe – in einer Quadratur des Kreises – ihren einzigen Daseinszweck „Profitmaximierung“ (Beispiel: Impfstoffpatente) freiwillig austauschen durch eine neue Vorgabe: „Wirtschaften allein zum Wohl der gesamten menschlichen Gattung und im Bewusstsein von begrenzten planetarischen Ressourcen“.

Es ist zu spät in dieser Welt für eine weithin nur noch aus „ungedeckten Schecks“ und „virtuellen“ Wettbüros bestehende Geldapparatur mit Fetischcharakter, zu spät für Heimatträume im Format von Marketing-Regionen, vor allem auch zu spät für die Heilsreligion des Militärischen und die Unterhaltung von Todesindustrien, deren profitable Massenproduktion die Herrschaft über Räume absichert und eine möglichst effiziente Vernichtung von möglichst vielen Mitgliedern unserer Spezies ermöglicht …

Gerade auch von den Religionen sollten wir erwarten dürfen, dass sie den Blick auf das Ganze öffnen, uns befreien zu einer ungeschönten Analyse zukünftiger Barbarei und im Transzendieren der Sterblichkeit unseres eigenen kurzen Erdendaseins die nach uns Kommenden via „Zeitkonferenz“ an den Weichenstellungen der Gegenwart beteiligen. Unter solchen Vorzeichen würden Kirchen und Religionen helfen, „dem Rad in die Speichen zu fallen“ (D. Bonhoeffer), und sich auf dem gesamten Globus einbringen in die Kooperationen für eine andere ökonomische, politische wie kulturelle Hegemonie, in der das Lebensdienliche – nicht das Todbringende – zur maßgeblichen Richtung wird.

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