Einst waren sie Ärzte oder Elektrotechniker – heute stehen sie für eine kostenlose Mahlzeit an


Die Pandemie hat die prekäre Ernährungssituation in den USA verschärft. Jeder Fünfte hat nicht regelmässig zu essen. Gespräche mit Menschen in Chicago, die für eine Gratismahlzeit anstehen.

David Signer, Text, Katja Müller, Bilder | Neue Zürcher Zeitung

Zur Essensabgabe vor der Pilgrim-Lutheran-Kirche in Chicago kommt auch ein Obdachloser, dem wegen Erfrierungen beide Füsse amputiert werden mussten.

Bei «Hunger» denkt man an die ärmsten Länder der Welt, an Bürgerkriegszonen, gescheiterte Staaten und Dürregebiete wie Tschad, Zentralafrika oder Haiti. Die USA hingegen sind die wirtschaftsstärkste Nation der Welt. Und trotzdem grassiert hier der Hunger. 54 Millionen Amerikaner, also etwa ein Sechstel, waren Ende letzten Jahres auf Unterstützung angewiesen. Noch im Jahr 2019 betraf die Ernährungsunsicherheit 10,5 Prozent der Bevölkerung; durch die Pandemie hat sich dieser Anteil in den USA laut einer Studie des Think-Tanks Brookings Institution mehr als verdoppelt. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung hat also nicht immer Zugang zu Essen. In Familien ist der Wert sogar noch bedeutend höher. Und dies in einem Land, das mehr Nahrung produziert, als konsumiert werden kann. Tatsächlich ist die Ernährungsunsicherheit laut der Organisation Feeding America in ländlichen und landwirtschaftlich geprägten Regionen besonders markant.

Obdachlose Senioren im Einfamilienhausquartier

Aber auch Millionenstädte wie Chicago sind betroffen. Hier hat ein Sechstel der Haushalte nicht immer genug zu essen. Verteilstellen des städtischen Hilfsprogramms Greater Chicago Food Depository, aber auch kirchliche und private Initiativen sind allgegenwärtig. Vor allem an Samstagen und in den ärmeren Quartieren sieht man am Strassenrand Klapptische, an denen Freiwillige warme Mahlzeiten ausgeben, mit langen Schlangen davor.

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