„Unsere Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur sind überholt“


Wir stehen im Zusammenleben mit den anderen Kreaturen an einem Scheideweg, sagt die Philosophin Corine Pelluchon. Was lässt sich aus der Pandemie für die Zukunft lernen?

Interview: Elisabeth von Thadden | ZEIT ONLINE

„Es besteht kein Anlass für ökologische Schönmalerei“, sagt Corine Pelluchon. „Das Gewebe des Lebendigen ist nicht zu einer engelshaften Harmonie verwoben, es ist voller Konflikte, Gefahren, Kämpfe und Knappheiten.“  Huseyin Demirci/​Anadolu Agency/​Getty Images

ZEIT ONLINE: Worüber denken Sie gerade nach, Corine Pelluchon?

Corine Pelluchon: Ich denke darüber nach, dass die Pandemie uns dazu einlädt, Inventur zu machen. Sie eröffnet uns die Gelegenheit, die Bestände unserer Lebensform sorgsam zu sichten, Stück für Stück – und zu überlegen, was wegkann, weil es überholt ist, und was künftig gebraucht wird. Wir stehen in unserem Zusammenleben mit den anderen Kreaturen an einem Scheideweg, das spüren in dieser Pandemie die meisten. Damit meine ich nicht nur unsere Art, uns zu ernähren und Landwirtschaft zu betreiben, sondern im weiteren Sinne unsere Art, als Lebewesen diese Erde zu bewohnen und sie miteinander zu teilen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das für die Philosophin?

Pelluchon: Der Philosoph Edmund Husserl hat vor 100 Jahren von der „Epoché“ als einer Methode gesprochen, um uns von unseren Glaubenssätzen zu distanzieren, die wie eine Brille sind, die uns die Dinge einseitig und voreingenommen sehen lässt. Man muss die eigene Brille abnehmen, um den Sinn der Dinge zu entdecken und kritisch erkennen zu können, was jenseits aller Ideologien wesentlich ist. Husserl hat damit einen Weg geöffnet, unser Schicksal als zweifelnde Kinder der Aufklärung selbst in die Hand nehmen zu können. Auf einen Horizont zugehen zu können. Es läge etwas Befreiendes darin, wenn wir heute diese Methode beerben würden und die „Epoché“ auf der zivilisatorischen Ebene praktizieren.

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