Die vielen Gesichter der Dummheit


Wird die Menschheit immer klüger? Das ist zu bezweifeln. Dennoch interessiert sich kaum jemand für die Geschichte der Dummheit. Zeit für eine Spurensuche.

Lea Haller | Neue Zürcher Zeitung

Ab dem Spätmittelalter stand der Narr für die Gottlosigkeit und den Tod. Philips Galle, Kopf eines Narren zur Fastnacht, um 1560. Getty Images

Im Frühsommer 1919 steht der amerikanische Automobil-Tycoon Henry Ford vor Gericht. Nicht etwa um sein berühmtes Auto geht es, das Ford Model T, sondern um ein Editorial, das in der Chicago Tribune erschienen ist. Als «ignoranten Idealisten» und als «anarchistischen Feind der Nation» hat die Redaktion Ford bezeichnet. Ford hat die Zeitung darauf wegen Verleumdung verklagt. Die Aufgabe ihres Verteidigers: zu beweisen, dass Ford tatsächlich ein ignoranter Idealist ist, man also nicht von übler Nachrede sprechen könne. Die Sache ist leichter als gedacht.

Ford legt während der Befragung Zeugnis ab von einer überwältigenden Unwissenheit. Er kann weder sagen, wann die amerikanische Revolution stattgefunden hat, noch, was Chili con Carne ist, und ist offensichtlich mit den einfachsten Grundprinzipien des amerikanischen Staatswesens nicht vertraut. «Ich gebe zu, dass ich über die meisten Dinge nichts weiss», meint er schliesslich. Ob er einverstanden wäre, einen kleinen Auszug aus einem Buch vorzulesen, fragt ihn der Verteidiger der Chicago Tribune, oder ob er es vorziehe, hier den Eindruck zu ­hinterlassen, dass er möglicherweise Analphabet sei? «Ja, Sie können das so stehen lassen», meint Ford. Er sei kein schneller Leser und würde es vermasseln.

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