Wer Kant als Rassisten bezeichnet, müsste ihn erst einmal lesen: Wie eine wissenschaftliche Akademie den Aufklärer an den Pranger stellt


Der Vorwurf wird immer wieder erhoben: Immanuel Kant sei ein Rassist gewesen. Nun geht die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften der Sache nach. Mit erstaunlich wenig Sachkunde.

Michael Wolff | Neue Zürcher Zeitung

«Die Klasse der Weissen ist nicht als besondere Art in der Men­schengattung von der der Schwarzen unterschieden»: Immanuel Kant. Gabriele Thielmann / Imago

Kant gebrauchte das Wort «Rasse» in einer Zeit des Kolonialismus und des Sklavenhandels. Damals wurden in Europa Reiseberichte über Menschen anderer Kontinente populär, die das Interesse an Besonderheiten indigener Völker weckten. Wenn man wie Kant Recht und Würde aller Menschen verteidigen wollte, durfte man nicht ignorieren, dass durch jenes Interesse der biologische Begriff des Menschen mehrdeutig zu werden droh­te.

Selbst Feinde des Sklavenhandels, zum Beispiel Georg Forster, nahmen an, es gebe ursprünglich-ver­schiedene Menschenstämme. Diese Annahme war nur dadurch zu entkräften, dass man die Beweislast er­folg­reich denen zuschob, die sie vertraten. Kant gelang dies dadurch, dass er als forschungsleitende Idee einen Begriff der Menschheit aufstellte, nach dem Menschen bei aller Verschiedenheit derselben biologischen Gattung ange­hören, wenn sie mit­einander fruchtbare Nachkommen zeugen können.

Wie von dieser Idee Gebrauch zu ma­chen ist, zeigte Kant in drei Schriften von 1775, 1785 und 1788. Hier durfte er Berichte über Menschen nicht unbeachtet lassen, auf die der Verdacht fallen konnte, keine Menschen «wie wir» zu sein. Kant musste solche Be­schreibungen (die er ohnehin nicht widerlegen konnte) wiedergeben, um nicht selbst den Ver­dacht zu erregen, seine Mensch­heitsidee nur für eine Auswahl von Menschen vorzusehen.

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