„Der Vatikan ist noch heute das Fort Knox des Patriarchats“


Evolutionsbiologe Carel van Schaik und Historiker Kai Michel über die Geschichte der Legitimation der Ungleichheit zwischen Frauen und Männern (Teil 2)

Reinhard Jellen | TELEPOLIS

Bildausschnitt: Adam und Eva (von Lucas Cranach dem Älteren, um 1518); Herzog Anton Ulrich Museum

Mit ihrem Buch Die Wahrheit über Eva leisten Carel van Schaik und Kai Michel einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Geschlechterrollen. Liegt die Benachteiligung der Frau in der Biologie oder in der Kultur begründet? Telepolis sprach mit den Autoren (Teil 1 des Gesprächs: Geschlechterrollen: Alles ist fließend).

Im Nachvollzug dessen, was die Geschlechterverhältnisse ins Ungleichgewicht brachte, rekurrieren Sie auf die Bibel. Warum?

Carel van Schaik und Kai Michel: In unserem letzten hatten wir die Bibel als ein „Tagebuch der Menschheit“ gelesen. Wir interpretierten sie über weite Strecken als Krisenbewältigungsversuche der Menschen, sich mit den neuen Herausforderungen auseinanderzusetzen, die sie plagten, seitdem sie sesshaft lebten und Landwirtschaft betrieben: also Seuchen, Hungersnöte, Kriege, wachsende Armut der einfachen Menschen und Ungerechtigkeit.

Die entfalteten ihre volle Wirkmacht erst über die Jahrtausende hinweg. Bereits bei dieser Lektüre hatte uns der Widerspruch beschäftigt, dass in der Bibel zahlreiche starke Frauen auftraten, die Genesis andererseits gleich auf den ersten Seiten eine Begründung lieferte, warum Frauen den Männern untertan sein sollten.

Als wir bei Veranstaltungen oft gefragt wurden, wie sich während der Evolution eigentlich die Geschlechterverhältnisse darstellten, und wir realisierten, dass es da eine Leerstelle im öffentlichen Diskurs gab, beschlossen wir, der Sache nachzugehen. Wir erwählten uns Eva als Führerin.

Schließlich nennt schon Adam sie „Mutter alles Lebendigen“; sie ist deshalb für uns eine passende Verkörperung der Evolution, auch wenn es bei dieser keine Ur-Eva gibt, sondern eben nur die „Evalution“, die schier endlose Abfolge von Evas.

Aber noch wichtiger: Die Bibel ist nun mal fast 2000 Jahre lang das mächtigste Buch gewesen, nichts hat die Kultur des sogenannten „christlichen Abendlands“ so tief und so nachhaltig geprägt wie das angebliche Wort Gottes. Die Geschichte von Eva avancierte in der christlichen Welt zur Meistererzählung der Misogynie. Und der Vatikan ist noch heute das Fort Knox des Patriarchats.

„Eine religiöse Enteignung der Menschen gewesen, welche die Frauen besonders hart traf“

Wie ist denn ein geschichtlicher und sozialer Zusammenhang zwischen Monotheismus, patriarchalen Strukturen und Verteufelung der weiblichen Sexualität nachzuweisen und wie spielen diese Faktoren zusammen?

Carel van Schaik und Kai Michel: Haben Sie gesehen, wie viele Seiten wir in unserem Buch brauchten, um das zu erklären? Versuchen wir es in aller Kürze: Das Patriarchat ist keine Erfindung des Monotheismus, es ist viel älter. Wir finden es mehr oder minder überall, wo man zur intensiven Landwirtschaft überging. Auch war das alte Israel sicher nicht patriarchaler als die anderen antiken Gesellschaften.

Aber der Monotheismus verleiht ihm den göttlichen Segen. Denn wo ein einziger Gott die Welt eingerichtet hat, muss ja auch das Patriarchat göttlich gewollt sein. Dahinter steckt ein bis heute zu beobachtendes Phänomen: Man ist kulturblind! Man verkennt die geschichtliche Gewordenheit der Verhältnisse. Wenn die Welt patriarchal ist, muss Gott das so intendiert haben – das ist die Antwort der Bibel.

Bemerkenswerterweise unterlief in der griechischen Welt den frühen Wissenschaftler und Philosophen ein ähnlicher Attributionsfehler, der ebenfalls zum victim blaming führte: Sie missdeuteten die noch stärkere patriarchale Verfasstheit der griechischen Gesellschaften als natürliche Ordnung der Dinge und begründeten das damit, dass Frauen von Natur aus mangelhafte Männer seien. Die Bibelautoren bastelten sich dann aus altem Material die Geschichte zusammen, dass die Frauen selbst schuld an ihrer Unterdrückung tragen, weil ihre Urmutter Eva gegen das göttliche Gebot verstoßen habe.

Ein zweiter Punkt kommt hinzu: Fatal wirkte sich aus, dass der neue Monotheismus jener Sphäre angehört, die wir als Herrschaftsreligion beschreiben, also jener Religion von oben, die zuallererst dazu dient, Herrschern Legitimation zu spenden. Das neue am Monotheismus ist, dass er versucht, die traditionellen Glaubenswelten, all die anderen Gottheiten, Geister und die mannigfaltigen Praktiken der Alltagsreligion, zu verbieten.

Das ist eine religiöse Enteignung der Menschen gewesen, welche die Frauen besonders hart traf, weil Jahwe, der als ehemaliger Sturm- und Kriegsgott zum Staatsgott geworden war, in Bereichen wie Heilung oder Schwangerschaft erhebliche Defizite besaß.

Aber wirklich misogyn wurde das alles erst, als diese Ideen in eine völlig andere Lebenswelt – die griechisch-römische Welt – wechselten, dort mit der ebenfalls frauenherabsetzenden Philosophie und Wissenschaft verschmolzen und schließlich sogar zur Herrschaftsreligion des Römischen Reichs wurden.

Fortan behaupteten alle Sinnsysteme – Religion, Philosophie und Wissenschaften -, dass Frauen das zweite Geschlecht seien, und Gesetze zementierten das. Damit war die Patrix komplett – und ein für über anderthalb Jahrtausende schier unüberwindliches System etabliert, in dem Frauen unterdrückt, ausgebeutet und zu Opfern schlimmster Gewalt wurden. Dass auch viele andere darunter litten, ist völlig klar, Stichwort Despotie. Aber die Frauen traf es systematisch und mit größter Härte. Der Frauenhass wurde systemerhaltend.

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