Protestantismus und Erster Weltkrieg


Ein Lesebuch zur deutschen Religionsgeschichte – Impulse für ein Umlernen heute, „Kirche & Weltkrieg“

Peter Bürge, Ulrich Hentschel | TELEPOLIS

Postkarte aus dem 1. Weltkrieg – Bildarchiv der Nordakademie der Evangelischen Kirche

Die von friedensbewegten Christenmenschen zum 80. Gedenkjahr des Rassen- und Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion ins Werk gesetzte Reihe „Kirche & Weltkrieg“ erhellt die abgründige Religionsgeschichte des deutschen Kriegskirchentums ab dem späten 19. Jahrhundert. In seinem nachfolgend dokumentierten Vorwort zu unserem Band „Protestantismus und Erster Weltkrieg“ erläutert der Hamburger Theologe Ulrich Hentschel, dass die historische Aufklärung ein Beitrag wider die Militarisierung der Politik in unseren Tagen ist.

Die schon in den Befreiungskriegen hervorgetretene Kriegsreligion eines „deutschen Gottes“ steigerte sich 1914 bis 1918 im protestantischen Staatskirchentum zu einem Wahngebilde, das mit Jesus von Nazareth nichts mehr zu tun hatte. Aggressive Militärdoktrinen des Kaiserreiches und Populärdarwinismus galten den beamteten Theologen als „christliche Ethik“. Schließlich behaupteten ungezählte Prediger, das Massenmorden sei ein „Werk der Liebe“ und belogen die Trauernden mit schwülstigen Phrasen des Opferkultes.

Die in unseren Quellenabteilungen erschlossenen Texte versetzen treue Kirchenmitglieder in Entsetzen und verweisen auf die Vorgeschichte der Vernichtungspredigten ab 1939. Doch noch viele andere Primärtexte, die selbst den Studierenden der Theologie kaum bekannt sind, lehren uns das Gruseln.

Der „National-soziale Katechismus“ (1897) des sogenannten „sozialliberalen Pfarrers“ Friedrich Naumann, nach dem noch immer eine FDP-nahe Stiftung benannt ist, hielt es für richtig, dass zur Sicherung des Wohlergehens der deutschen Arbeiterschaft fremde Länder überfallen, beherrscht und ausgebeutet werden.

Götz Aly hat schon vor einem Jahrzehnt daran erinnert. Doch wen stört der Kasus schon? Naumanns Ideale passen hervorragend zu heutigen Militärdoktrinen im Dienste freier Märkte und Seewege sowie zu weltweiten bewaffneten „Interventionen“.

Naumann schrieb, das Nationale sei der „Trieb des deutschen Volkes“ und das Soziale „der Trieb der arbeitenden Menge.“ Beides gehöre zusammen, denn: „Die Ausdehnung des deutschen Einflusses auf der Erdkugel ist unmöglich ohne Nationalsinn der Masse“. Die großen Opfer für Flotte und Heeresrüstung könnten nur mit „Volkes Willen“ (u.a. Sozialdemokraten) durchgesetzt werden.

Im Kriegsjahr 1915 fand der „liberaler Einsatz“ dieses Protestanten für das Individuum wie folgt Ausdruck: Die „Volksmaschine geht ihren Gang, ob der Einzelmensch lebt oder stirbt“, es wächst „von allen Seiten der Staats- und Nationalsozialismus“.

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