Moralische Reflexe statt Reflexivität


Die Fälle muten skurril an. Für die Übersetzung von Werken der schwarzen Poetin Amanda Gorman bedarf es heute Personen mit passender Hautfarbe oder immerhin adäquatem kulturellem Hintergrund – ein internationales Phänomen.

Jörg Räwel | TELEPOLIS

Grafik: TP

Eine neun Jahre alte „Jugendsünde“ in Form eines (vermeintlich?) rassistischen Tweets verhindert die berufliche Karriere einer preisgekrönten Journalistin, ihren Entschuldigungen zum Trotz.

Ein renommierter Schauspieler fragt sich ernsthaft, ob er als Nicht-Behinderter, Behinderte, als Schlanker fette Personen, oder, nicht betroffen von Trauer, traurige Personen spielen darf; von der Möglichkeit des „Blackfacing“ ganz zu schweigen (Sternstunde Philosophie: vgl. ab Minute 21:45). Dies angesichts des Risikos, die Gefühle oder die wahrhaftige Identität der betroffenen Personenkreise zu verletzen und die eigene Reputation aufs Spiel zu setzen.

Gemein ist diesen Fällen, dass hier über moralische Bedingungen des Handelns von Personen disponiert, die Frage verhandelt wird, unter welchen Bedingungen einem selbst und anderen Personen Achtung oder Missachtung zuzurechnen ist. Es geht um situationsunabhängige Urteile über Personen.1

Moralische Urteile sind gefährlich, weil ihnen reflexartig, ohne „mildernde Umstände“ und in Bezugnahme auf fraglos gültige Werte der Anstrich von Endgültigkeit gegeben wird. Moral ist in seinen Urteilen reflexionsfeindlich, auch, um die Gültigkeit von Werten in ihrer Zweifellosigkeit hervorzuheben. Dies vor allem angesichts von Gefahren. Wer etwa in der Corona-Krise reflektierend den Wert des Lebens relativiert, setzt sich dem Risiko aus, sich selbst zu diskreditieren, nicht die auf diesen Wert Bezug nehmende Moral.

Mit Blick auf die Reflexionsaversion, die, anders als für Ethik, typisch ist für Moral, wird deutlich, warum in genannten Fällen Erklärungen, Entgegnungen, Argumente, selbst Entschuldigungen kaum Wirksamkeit zeigen. Steht fest, dass ein Übersetzer etwa der Kategorie aktuell missachtenswerter „alter weißer Männer“ zuzurechnen ist, mag eine Verweis auf die Qualität seiner Arbeitsleistungen kaum zu überzeugen.

Einmal als Rassistin gebrandmarkt, ist kaum mehr wirksam, auf jugendliche Unbedarftheit hinzuweisen, darauf, dass auch „Identität“ ein von Situationen und Personen abhängiges Konstrukt ist. Wo sind die Jugendlichen, die sich gerne von ihren Eltern auf Partys mit Gleichaltrigen beobachten ließen?

Gesellschaftliche Reflexivität

Unter gesellschaftlicher Reflexivität soll die Möglichkeit verstanden werden, Beobachtungen zu beobachten, also schon Unterschiedenes nochmals zu unterscheiden. Dadurch kann die Kontingenz von Beobachtungen oder Perspektiven sichtbar gemacht werden. Also festgestellt werden, dass ein Phänomen auf bestimmte Art gesehen werden kann, jedoch nicht notwendigerweise so.

Die moralisch unvoreingenommene Beobachtung von Verschwörungstheoretikern etwa erlaubt, Angela Merkel oder Donald Trump nicht lediglich als Politiker zu unterscheiden, sondern auch als echsenartige Wesen, die sich als Menschen tarnen.

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