Aus jeder Gefühls-Mücke wird ein Trauma-Elefant


Gegen die Kulturtaliban und die politische Mode des Identitären: Caroline Fourest über Sprachpolizei, Political Correctness, Cancel Culture und die „Generation Beleidigt“ – Streifzug durch eine aufgeheizte Debatte

Rüdiger Suchsland | TELEPOLIS

Kopf an Kopf. Bild: Carson Arias/Unsplash

„Jeden Tag eine Gruppe, eine Minderheit, ein zum Stellvertreter einer Sache sich aufspielendes Individuum, das fordert, droht und uns auf die Nerven geht“ – Caroline Fourest ist wütend. Wütend über Menschen, die in den USA asiatische Menüs in den Kantinen verbieten wollen, weil es sich „um kulturelle Aneignung“ handele; mit der gleichen Begründung fordern andere, man solle im Restaurant kein Sushi essen, das von Nicht-Asiaten zubereitet werde.

Fourest ist wütend auf kanadische Studenten, die die Streichung eines Yogakurses fordern, um sich nicht „dem Risiko der indischen Kultur“ aussetzen zu müssen. Sie ist wütend auf Schulen, die die großen Romane von Flaubert, Dostojewski und Nabokov als „anstößig“ aus dem Unterrichtsplan streichen. Auf Filmuniversitäten (!), an denen Filmstudenten sich weigern, Filme von Roman Polanski und Woody Allen oder Produktionen von Harvey „#MeToo“ Weinstein oder Bertoluccis „Last Tango of Paris“ überhaupt jemals anzusehen, und die sich für ein Seminar über Horrorfilm einschreiben, aber trotzdem bei jedem Film eine Triggerwarnung fordern, weil „Traumata berührt werden“.

Auf Schüler, die Lehrer, die ihre Fehler korrigieren oder ihnen kein „sehr gut“ geben, der „Mikroaggression“ beschuldigen und sie – selbstverständlich anonym – als schlechte Lehrer denunzieren, die „nicht ermutigend kommunizieren“.

Neue gesellschaftliche Machtgruppen

Solche kleinen, gut belegten, alltäglichen Beispiele sind für die Autorin nur Indizien für etwas Größeres: Zum einen für die Generation der Millennials, der zwischen den späten 1980er und Ende der Nuller-Jahre geborenen „Generation Y“: Ichbezogen bis zum Narzissmus, wehleidig, dauergekränkt, überemotional und leistungsunwillig machen diese verwöhnten Wohlstandskinder aus jeder Gefühls-Mücke einen Trauma-Elefanten, sind sie kaum bereit, Verantwortung für eigene Enttäuschungen und Probleme zu übernehmen, sondern suchen die Schuld für alles immerfort bei den anderen, bei irgendwelchen angeblich „Privilegierten“ oder gleich bei „dem Westen“.

Zum anderen stehen die Alltagsbeispiele dafür, dass sich neue gesellschaftliche Machtgruppen formieren und aufgrund geographischer, ethnischer oder sozialer Herkunft, aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Religion und einer oft mehr behaupteten persönlichen „Marginalisierungs-“ oder „Unterdrückungs-„Erfahrung beanspruchen sie, die Hegemonie über das öffentliche Sprechen zu erreichen. Das Ergebnis dieser sozialen Trends ist eine Einschüchterungbewegung, die heute sogar zur Entlassung von Professoren führen kann.

In ihrem Heimatland Frankreich ist Caroline Fourest sehr bekannt. Die 43-jährige tritt oft in Talkshows auf, macht Dokumentarfilme, zum Beispiel über kurdische Freiheitskämpfer, sie unterrichtet an der Universität Sciences-Po, sie war Mitarbeiterin der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, schreibt für Zeitungen und verfasste bisher mehrere Bücher. Politisch steht sie auf der Seite der Linken, ist erklärte Feministin und Anti-Rassistin.

Doch trotzdem, und obwohl sie als bekennende Lesbierin selbst einer Minderheitsgruppierung angehört, gilt ihre Attacke vor allem Tendenzen, die derzeit das linke Spektrum der westlichen Demokratien dominieren und spalten: „Linke Identitäre“. Durch Identitätspolitik seien die Debatten aus dem Ruder gelaufen.

Aber wovon spricht sie überhaupt? Und müssen wir das ernst nehmen?

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