Corona in Indien: Sorglosigkeit, Mutanten und himmelschreiende Ungleichheit


Die Zahlen der Neuinfizierten in Indien schockieren die Welt. Dafür verantwortlich soll die indische Mutante B.1.617 sein. Zweifel an dieser vereinfachten Darstellung sind jedoch angebracht

Thomas Pany | TELEPOLIS

Religiöse und lokale Feste, dazu Wahlen und allgemeine Sorglosigkeit haben die zweite Welle in Indien angeschoben. Bild: Redaktion

Die Verbreitung von Covid-19 ist wie Terrorismus, und alle, die das Virus verbreiten, sind Verräter.

Dies ist keine Nachlässigkeit. Es ist eine schwere Straftat.

Die Regierung sollte nicht stillsitzen. Sie sollte ein paar abschießen, um sicherzustellen, dass die Regeln beachtet werden.

Dies sind nur einige Kommentare von Ministern und Mitgliedern der indischen Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP). Bei aktuell bis zu 350.000 Neuinfizierten pro Tag in Indien, gibt es wahrscheinlich nicht wenige, die Verständnis aufbringen würden für die harschen Worte.

Allerdings stammen die Zitate vom März 2020 und sie beziehen sich auf ein Treffen von etwa 7.000 muslimischen Tablighis in Delhi. Deren Seminar hatte bereits begonnen, bevor das damals neuartige Coronavirus zum gesundheitlichen Notfall in Indien erklärt worden war.

Zum aktuellen Megaereignis der Hindus, dem Kumbh-Mela-Fest in Haridwar im nördlichen Bundesstaat Uttarakhand, dessen letztes Bad im Ganges für den 27. April angesetzt war, schwiegen die zitierten BJP Leute, obwohl seit Januar dieses Jahres knapp 25 Millionen Hindus dort zu Besuch waren.

Bei zwei Anlässen in der zweiten Aprilwoche waren es 4,6 Millionen Gläubige – zu einer Zeit als Indien schon über 200.000 Neuinfizierte täglich registrierte. Bei der Kumbh Mela geht es nicht nur um ein Bad im Freien im Ganges, sondern die Pilger kommen zum Teil für Tage in engen Ashrams oder Zelten zusammen.

Angesichts solchermaßen praktizierter Sorglosigkeit rühren sich Zweifel an der verbreiteten Annahme, dass es hauptsächlich die indische „Doppelmutante“ B.1.617 ist, die die Zahlen seit ein paar Wochen in Indien so rasant hat ansteigen lassen, zumal auch Wissenschaftler dafür noch keinen Beleg gefunden haben.

Dafür gibt es weitere Beispiele der Sorglosigkeit aus Indien: Am 13. April feierten Tausende Menschen im Dorf Kairuppala im Bundesstaat Andhra Pradesh ein regionales Fest, bei dem sich die Feiernden dichtgedrängt und ohne Maske mit Kuhfladen bewarfen. Seit dem ersten April dieses Jahres finden im 100 Millionen Einwohner Bundesstaat West-Bengalen Wahlen statt – über einen Zeitraum von einem Monat.

Bis vor wenigen Tagen hielten alle Parteien Hunderte Wahlkampfveranstaltungen ab, mit zum Teil Zehntausenden von Besuchern. Auch Premierminister Narendra Modi und Innenminister Amit Shah nahmen daran teil. Beide BJP-Spitzenpolitiker besuchten beflissen auch die Wahlkampagnen ihrer Partei in den Bundesstaaten Kerala, Tamil Nadu und im Unions-Territorium Puducherry, wo Anfang April gewählt wurde.

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