Die heimtückischen Angriffe auf die wissenschaftliche Wahrheit


Was ist Wahrheit? Man kann von moralischen Wahrheiten und ästhetischen Wahrheiten sprechen, aber um diese geht es mir hier nicht, so wichtig sie auch sein mögen. Mit Wahrheit meine ich die Art von Wahrheit, die eine Untersuchungskommission oder ein Geschworenenprozess feststellen soll. Ich vertrete die Ansicht, dass die wissenschaftliche Wahrheit von dieser Art des gesunden Menschenverstandes ist, obwohl die Methoden der Wissenschaft vom gesunden Menschenverstand abweichen und ihre Wahrheiten sogar gegen ihn verstoßen können.

Richard Dawkins | RDF

Untersuchungskommissionen können scheitern, aber wir gehen davon aus, dass dort eine Wahrheit schlummert, auch wenn wir nicht genügend Beweise haben. Geschworene irren sich manchmal und Unwahrheiten werden oft aufrichtig geglaubt. Auch Wissenschaftler können Fehler machen und fehlerhafte Schlussfolgerungen veröffentlichen. Das alles ist bedauerlich, aber nicht im besonderen Ausmaß beunruhigend. Was jedoch zutiefst beunruhigend ist, ist jeder mutwillige Angriff auf die Wahrheit selbst: den Wert der Wahrheit, die Existenz der Wahrheit selbst. Das ist es, was mich an dieser Stelle beunruhigt.

Im Roman 1984 vertrat George Orwells O’Brien die Ansicht, dass zwei plus zwei gleich fünf ist, wenn die Partei es so anordnet. Das Ministerium für Wahrheit existierte zu dem Zweck, Lügen zu verbreiten. In den letzten vier Jahren hat sich die US-Regierung in diese Richtung bewegt. Weltmüde Zyniker seufzen, dass alle Politiker lügen: Das gehört zum Geschäft. Aber normale Politiker lügen als letztes Mittel und versuchen, es zu vertuschen. Donald Trump ist eine Klasse für sich. Für ihn ist das Lügen kein letzter Ausweg. Es kommt ihm nie in den Sinn, etwas anderes zu tun. Und weit davon entfernt, eine Lüge zu vertuschen, kann er bei ihr bleiben: Seine namenhafte „Basis“ wird ihn dafür umso mehr lieben und die Lüge glauben, wie weit hergeholt und schamlos eigennützig sie auch sein mag. Glücklicherweise ist Trump zu inkompetent, um Orwells Alptraum zu erfüllen, und er ist sowieso auf dem Weg nach draußen, auch wenn er schreiend und tretend versucht, das Haus mit sich herunterzureißen, während er geht (Originalartikel vom 19.12.2020, Anm. d. Red.).

Eine noch heimtückischere Bedrohung der Wahrheit kommt von bestimmten Schulen der akademischen Philosophie. Es gibt keine objektive Wahrheit, sagen sie, keine natürliche Realität, nur soziale Konstruktionen. Extreme Vertreter greifen Logik und Vernunft selbst an, als Werkzeuge der Manipulation oder „patriarchalische“ Waffen der Herrschaft. Das schrieb die Philosophin und Wissenschaftshistorikerin Noretta Koertge 1995 in der Zeitschrift Skeptical Inquirer, und ist es seitdem nicht besser geworden:

Anstatt junge Frauen dazu anzuhalten, sich durch das Studium von Naturwissenschaften, Logik und Mathematik auf eine Vielzahl von technischen Fächern vorzubereiten, wird den Studentinnen der Frauenforschung jetzt beigebracht, dass Logik ein Werkzeug der Herrschaft ist […] die Standardnormen und -methoden der wissenschaftlichen Untersuchung sind sexistisch, weil sie mit den „weiblichen Wissensarten“ unvereinbar sind. Die Autorinnen des preisgekrönten Buches mit diesem Titel berichten, dass die Mehrheit der von ihnen befragten Frauen in die Kategorie der „subjektiven Wissenden“ fällt, die sich durch eine „leidenschaftliche Ablehnung von Wissenschaft und Wissenschaftlern“ auszeichnet. Diese „subjektivistischen“ Frauen sehen die Methoden der Logik, Analyse und Abstraktion als „fremdes Territorium, das den Männern gehört“ und „schätzen die Intuition als sichereren und fruchtbareren Zugang zur Wahrheit“.

Auf dem Weg liegt Wahnsinn. Wie Barbara Ehrenreich und Janet McIntosh 1997 in The Nation berichteten, pries die Sozialpsychologin Phoebe Ellsworth bei einem interdisziplinären Seminar die Vorzüge der experimentellen Methode. Die Zuhörer protestierten, dass die experimentelle Methode „das Geistesprodukt weißer viktorianischer Männer“ sei. Ellsworth räumte dies ein, wies aber darauf hin, dass die experimentelle Methode z. B. zur Entdeckung der DNA geführt habe. Dies wurde mit Geringschätzung aufgenommen: „Sie glauben an die DNA?“

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