„Säu­be­rung der Kir­chen­ver­wal­tung von natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ele­menten“


Seit der Reformation wurde die evangelische Kirche von der staatlichen Obrigkeit geprägt. Auch die kirchenrechtlichen Formen gleichen den staatlichen oft verblüffend. Nach dem 2. Mai 1946 folgte daraus ein eigenartiges Problem.

Martin Rath | Legal Tribune Online

Worüber sich evangelische Christinnen und Christen streiten können, ist für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen. Im Jahr 1946 ging es jedenfalls hoch her.

Durch das Ende der NS-Herrschaft im Jahr zuvor konnten sich die Vertreter der „Bekennenden Kirche“, einer Oppositionsfraktion, die dem nahtlosen Anschluss der Mehrheit an die Ordnung des NS-Staats nicht hatte folgen wollen, nun in der Hierarchie nachdrücklicher betätigen als es ihrer Mannstärke entsprach – in demokratisch verfassten Organisationen ist das eine Quelle steter Konflikte.

Christenmenschen, die sich der Lehre Luthers verpflichtet fühlten, beklagten sich im Kampf um die Neuorganisation gemeinsamer Kirchenstrukturen öffentlich darüber, ihre calvinistischen Glaubensbrüder bekämpften sie – dafür seien sie ja bereits seit dem 16. Jahrhundert berüchtigt.

Zu den Streitigkeiten des Sommers 1946 zählte neben der heiklen Frage, wie sehr evangelische Mitschuld am nationalsozialistischen Terror öffentlich eingeräumt werden dürfe, ohne sich beim Kirchenvolk unbeliebt zu machen, auch ein Konflikt um eine neue Perikopenordnung – also die Anordnung, in welcher Reihenfolge im Lauf des Jahres welche Bibeltexte gottesdienstlich zu Gehör zu bringen waren. Gut möglich, dass zweiteres für viele wichtiger war.

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