Abrechnung mit linker Identitätspolitik: Überall Opfer


Judith Sevinç Basads Buch „Schäm dich“ ist eine polemische Abrechnung mit der neuen Wokeness – und ihrer Teilung der Welt in Gut und Böse.

Simone Schmollack | taz

Hat als Kind selbst Ausgrenzung erlebt: Autorin Judith Sevinç Basad Foto: Björn Engeloch/Westend Verlag

Wer sich heute zu Identitätspolitik und Antirassismus äußert, kann aufs Glatteis geraten. Zumindest dann, wenn die Person nicht auf den ersten Blick als diskriminiert „gelesen“ wird. Wenn sie also keinen offensichtlichen Migrationshintergrund hat, nicht schwarz, zumindest nicht reinweiß und/oder eine Transperson ist.

Dann hören jene „Nichtbetroffenen“ von den migrantisch geprägten und rassismuserfahrenen Ak­ti­vis­t:in­nen nicht selten Sätze wie „Dazu darfst du nicht sprechen“ oder „Du hast keine Ahnung, weil du weiß bist“. Das führt mitunter zu fragwürdigen Rollenverständnissen, Zuschreibungen und Selbstwahrnehmungen.

So weigert sich die österreichisch-bosnische und diskriminierungserfahrene Autorin Melisa Erkurt, sich als People of Color zu bezeichnen. Sie sei zwar muslimisch und migrantisch, habe aber eine weiße Haut, schrieb sie kürzlich in der taz. Und da ist Ijoma Mangold, Literaturkritiker der Zeit mit nigerianischem Vater, der äußerlich so sehr People of Color ist, dass sich An­ti­ras­sis­mus­ak­ti­vis­t:in­nen immer wieder wundern, wenn Mangold sich selbst als einen Richard Wagner liebenden „Gesinnungspreußen“ bezeichnet.

weiterlesen