Kommunikationsfreiheit statt Angst!


Der Wissenschaftler Klaus Beck regt eine Debatte über ein kollektives Gut an: den freien Austausch von Ideen und Meinungen. Und er erklärt, warum uns diese Freiheit nervös macht

Arno Kleinebeckel | TELEPOLIS

Grafik: TP

Dass Kommunikationsfreiheit ein kollektives Gut sei, unveräußerliches Menschenrecht und in vielen Ländern der Erde als solches auch rechtlich geschützt ist, erklärt uns Klaus Beck in einem gleichnamigen Reader, der unlängst erschienen ist. Als Einstieg wählt der Autor die Krisensituation der Corona-Pandemie, was Gelegenheit bietet, sogleich den Wertedisput zu eröffnen: Die Kommunikationsfreiheit befindet sich auf ständigem Kollisionskurs.

In sieben Kapiteln, abgerundet durch ein kompaktes Fazit, führt der Autor den Leser auf knapp 130 Seiten (hinzu kommen Literaturanhang sowie ein treffliches Glossar) an die diffizile Materie heran, wobei ein Schwerpunkt der Historie gewidmet ist.

Beck ist seit April 2018 Lehrstuhlinhaber für Kommunikationswissenschaft an der Universität Greifswald. Zu seinem Arbeitsgebiet zählen neben den gesellschaftlichen, politischen und technischen Fragen, etwa Technik der Massenkommunikation, auch die Berücksichtigung medienethischer Aspekte. Sein neues Buch verspricht „Medienwissen kompakt“.

m historischen Rückgriff liegt zweifellos eine der Stärken des Buches. Beck unterfüttert seine Annäherung an den Gegenstand mit einer aufschlussreichen historischen Nachverfolgung, nämlich wie sich „Kommunikationsfreiheit“ im Lauf der Geschichte herausgebildet und in Stationen gegen Widerstände durchgesetzt hat. Die dabei aufgeführten Entwicklungsschritte (und Rückschläge!) zeichnen im Großen und Ganzen den westlichen Zivilisationsprozess nach und folgen der Topologie einer allmählichen Befreiung des Denkens aus der Kontrolle beziehungsweise Zensur von Kirche und Staat. Dabei werden die Widrigkeiten und Komplikationen des Weges deutlich.

Eine „unheilige Familie“

Eines wird schnell klar: Dem Gang aus der mittelalterlichen Christianitas folgte eben nicht zwangsläufig eine sich fortschreibende Humanitas („progressus“ als „perfectio“, mit einer immer perfekteren Kommunikation). Becks historischer Abriss schildert vielmehr einen zähen Kampf, der zeige, so der Autor, „wie stark der Gegensatz zwischen Macht und Freiheit ist und welch wichtige Rolle Kirche und vor allem Staat spielen“. Die Zensur hat dabei, so Beck, eine garstige Genossin an ihrer Seite, genannt Propaganda:

Die Zensur (…) kommt selten alleine, meist kreuzt sie in Gesellschaft einer ebenso hässlichen Schwester auf: der Propaganda. Beide besitzen die gleiche Mutter, nämlich die katholische Kirche, und den gleichen Vater Staat. Und leider pflanzt sich diese unheilige Familie bis heute äußerst fruchtbar fort, benutzt die neuesten Medien und zeugt immer weitere Formen der Unfreiheit von Kommunikation.

Klaus Beck

Nach der gründlich vorgenommenen (Selbst-)Vergewisserung der relevanten historischen Entwicklungslinien wendet sich die Abhandlung zurück zu den Fragen des – prinzipiell unabgeschlossenen – Aushandlungsprozesses von Kommunikationsfreiheit, und das nicht nur in Europa, sondern auch – im zweiten Hauptteil des Buches – mit Blick auf die Kommunikation in einer globalisierten Welt (und deren Problemlage, wozu u.a. das Thema Überwachung gehört).

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