Wenn Geist und Macht aufeinandertreffen


Zu Jürgen Habermas‘ Entscheidung gegen eine mit 225.000 Euro dotierte Auszeichnung aus Abu Dhabi

Lars Jaeger | TELEPOLIS

Jürgen Habermas. Bild: Habermas14, CC BY 2.0

Eigentlich wollte Jürgen Habermas einen hoch dotierten Buchpreis der Vereinigten Arabischen Emirate annehmen, den Sheikh Zayed Book Award, der ihm mit der Auszeichnung „kulturelle Persönlichkeit des Jahres“ verliehen werden sollte. Gemeinhin werden mit diesem Literaturpreis jährliche „arabische Schriftsteller, Intellektuelle, Verleger sowie junge Talente“ ausgezeichnet, deren Schriften und Übersetzungen das arabische kulturelle, literarische und soziale Leben wissenschaftlich und objektiv bereichert haben“.

Der Hauptpreis ist mit einer Million Dirhams – rund 225.000 Euro – überaus lukrativ und eine der weltweit höchstdotierten Auszeichnungen für Autoren. Das wird wohl auch der wohl bedeutendste lebende deutschsprachige Philosoph wahrgenommen haben, als er den Preis zunächst akzeptierte.

Kann sich ein Philosoph leisten, so viel Geld auszuschlagen, auch wenn dieses von einem Staat und Regierungsverantwortlichen kommt, die gegen die allermeisten Werte der kommunikativen Aufklärung stehen, für die sich Habermas Zeit seines Lebens so engagiert eingesetzt hat: Freiheit im Ausdruck und Toleranz der Kritik?

Abu Dhabi und seine Herrscher stehen dagegen – wie so viele Länder des Nahen und Mittleren sowie islamisch geprägten Osten – für die Unfreiheit derjenigen Menschen, die Regierungen frei und offen kritisieren. Sie stehen damit für die systematische Unterdrückung unabhängiger öffentlicher Meinungen sowie gegen jegliche demokratische Ansprüche.

Wie in Europa vor dem späten 18. Jahrhundert – und teils auch weit darüber hinaus – sehen sich die Herrscher dort in einer Welt, in der sie via natura über absolute Rechte und Regierungsgewalten verfügen.

Besonders deutlich wird dies im wissenschaftlichen Bereich: Gerade Naturwissenschaftler gehörten vor und im 18. Jahrhundert zu den Verfolgten. Und wenn man die Anzahl der Physik-, Chemie- oder Medizin-Nobelpreisträger betrachtet, die heute aus islamischen Ländern kommen, dann kann man schnell beantworten, weshalb deren Zahl überschaubar ist.

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