Schwanengesang eines Imperiums


Mehr als 600 Jahre lang, von der Gründung durch den anatolischen Nomadenfürsten Osman am Ende des 13. Jahrhunderts bis zur Abdankung von Mehmed VI. im November 1922, herrschten osmanische Sultane über das größte islamische Reich der Welt, das sich zeitweise von Ungarn bis Ägypten und vom Persischen Golf bis zur Ägäis erstreckte.

Theodor Kissel | Spektrum

Koloss auf tönernen Füßen

Eugen Rogan, Direktor des Middle East Centre der University of Oxford, erzählt in seinem fesselnden Buch die Geschichte der letzten Jahre des multiethnischen Vielvölkerreichs, dessen Untergang die alliierten Siegermächte des Ersten Weltkriegs im Friedensvertrag von Sèvres (1920) einläuteten.

Rogan schreibt aus Perspektive des Osmanischen Reichs und stützt sich dabei größtenteils auf osmanische und arabische Quellen. Er geht den Ursachen des Niedergangs auf den Grund und schildert anschaulich, wie das Reich der Sultane zwischen den Ambitionen europäischer Mächte und den nationalen Freiheitsbewegungen der beherrschten Völker zerrieben wurde. Unfähig, das schwerfällige Staatengebilde politisch zu reformieren und mit der Modernisierung der europäischen Großmächte Schritt zu halten, war der »Kranke Mann am Bosporus« nur noch ein Koloss auf tönernen Füßen, als er 1914 an der Seite der Mittelmächte in den Krieg eintrat.

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