Erneuerung des Islam? Nach jahrelanger Blockade macht Scheich den Weg für Reformen frei


In seinen diesjährigen Ramadan-Gesprächen im ägyptischen Fernsehen sorgte Scheich Al-Azhar Ahmad Al-Tayyeb für eine Sensation: Er hat zum ersten Mal die Frage der Erneuerung der islamischen Tradition ausdrücklich bejaht.

Ralph Ghadban | FOCUS Online

„Das Fortbestehen des Islam als lebendige Religion hängt eng zusammen mit der ständigen Erneuerung der Tradition“, sagte Scheich Al-Azhar Ahmad Al-Tayyeb. Bislang hatte er die islamische Tradition in ihrer klassischer Form verteidigt; mit ihr hätten die Muslime die Welt von Spanien bis China erobert, meinte er. Die Krise des Islam würde eher in ihrer Verdrängung durch die westliche Zivilisation als in ihrer Starrheit liegen. Nicht vergessen war seine heftige Auseinandersetzung mit dem Rektor der Kairo-Universität, Muhammad Al-Khischt, vor einem Jahr auf der internationalen Al-Azhar Konferenz für die Erneuerung des islamischen Diskurses Ende Januar 2020.

Al-Khischt hielt ein Plädoyer für die Erneuerung der islamischen Tradition, die aggressive Replik von Scheich Al-Tayyeb wurde als Angriff gegen den Präsidenten Al-Sissi verstanden, der sich seit der Vertreibung der Muslimbrüder 1913 von der Macht für einen reformierten Islam einsetzt und erwartet, dass Al-Azhar, als höchste islamische Autorität in der Welt, dieser Aufgabe gerecht wird. Scheich Al-Tayyeb widersetzte sich und der Konflikt wurde seit 2015 öffentlich. Es ging um die Stellung der Sunna, die Al-Sissi in Frage stellte und Al-Tayyeb verteidigte. Nun unvermittelt behauptet Al-Tayyeb, dass Al-Azhar immer für die Reformen stand und beruft sich sogar auf die Tradition eines Hauptaufklärers der Nahda, des Scheichs Muhammad Abdou. Das ist ein Seitenwechsel.

weiterlesen