Licht als Gift für Mensch und Umwelt


Das Anthropozän muss Schäden beheben, die es fortwährend verursacht. Was heißt es etwa, die Welt mit Licht zu verschmutzen?

Alfred Paschek | TELEPOLIS

Nächtliche Satellitenaufnahme Europas. Bild: Nasa

Sterne zu sehen hat selten, womöglich nie als ästhetische Beiläufigkeit gegolten. Vor allem dann, wenn die Philosophie sich des Themas annahm, war oftmals ein existenzielles Pathos im Spiel. Bei Hans Blumenberg etwa wird der Augenblick erstmaliger Himmelsbetrachtung zur Eröffnung eines bewusstseinsgeschichtlichen Abenteuers und damit zum anthropologischen Schlüsselmoment eines Erdenbewohners, der sich anschickt – wie es im Eröffnungskapitel der Genesis der kopernikanischen Welt heißt –, „den Blick aus der Sphäre der biologischen Signale herauszuheben und das Unerreichbare in die Aufmerksamkeit hineinzuziehen“.

Georg Simmel hat die Vermutung geäußert, dass unter dem Eindruck der Gestirne nichts weniger als die Vorstellung von Transzendenz ihren Ursprung haben könnte. Und auch für Platon gäbe es ohne die Himmelsbetrachtung gar keine Philosophie.

Ein einsames Objekt

Zwischen dem Ursprungsrätsel der Erstbetrachtung und dem Eintritt der Himmelsbeobachtung in die geschichtlich fassbare Zeit liegen Jahrtausende der Anschauung und Überlieferung. Die allmähliche Durchsetzung rationaler Leistungen gegen mythische Erzählungen hat den Himmel schließlich zum Gegenstand der Wissenschaften werden lassen. Heutigen Astronomen zeigt sich eine Vielzahl von Objekten und Strukturen verschiedener Aggregatzustände.

Doch die Systematik der astronomischen Objekte weist eine Leerstelle auf: Ausgerechnet jener Gegenstand, von dem die Beobachtungen ihren Ausgang nehmen, will in diese Ordnung nicht recht hineinpassen. Zwar wirkt die Erde unter der Rubrik „Gesteinsplanet“ zunächst gut einsortiert. Der besonderen Tatsache jedoch, dass dieses seit Langem erkaltete Objekt durch die planvolle Kunstfertigkeit einiger auf ihm existierender Lebewesen in einen selbstleuchtenden Zustand versetzt wird, ist damit keinesfalls Rechnung getragen. Für die Eigenheiten von Kulturphänomenen ist die Sternenkunde aus historischen und systematischen Gründen blind.

Doch die technischen Leistungen moderner Zivilisation haben dazu geführt, dass die Welt des Menschen als empirischer Gegenstand in die Themenkreise der Astronomie hineinragt. In Zeiten totalen Engineerings verdankt die Erde ihre Leuchtkraft nicht mehr allein der Rückstrahlung solarer Energien. Als „Kunststern“ glüht sie in die planetarische Nachbarschaft hinaus und bildet – nach allem, was wir wissen – den kosmischen Sonderfall inmitten geistloser Wüsten.

Das Licht in die Welt tragen!

Die Erhellung der Nächte durch künstliche Lichtquellen vollzieht sich vor einem Erfahrungsraum und einer Deutungsgeschichte, die bis in mythische Vorwelten zurückreicht und die das Licht als Inbegriff von Positivität in unsere Denkweisen eingeschrieben hat.

Ohne die Übergabe des Feuers durch Prometheus wären die Menschen zugrunde gegangen, berichtet die Sage. In solchen Ursprungserzählungen zeigen sich Wertungsmuster archaischer Lebensrealitäten, in denen die unmittelbare Daseinssicherung von der Verfügungsgewalt über Licht und Wärme abhing.

Die glühenden Meere auf den nächtlichen Kontinenten unserer Zeit sind auch die Konsequenz solcher Muster, die im Prinzip bis heute wirken, und damit auch die Fortführung jener menschlichen Bemühungen, die gegen die Dunkelheit, das Opake, das Unfassbare seit Urzeiten unternommen werden. Aus der lebensweltlichen Erfahrung, in der das Licht seit jeher seine unabweisbare und fundamentale Relevanz zur Geltung bringt, ist zudem eine traditionsreiche Verwendung als Metapher hervorgegangen.

Als Sinnbild für großformatige Angelegenheiten wie Schöpfung, Leben, Erkenntnis, Wahrheit, Hoffnung, Befreiung hat das Licht seinen festen Platz in unserer mentalen Organisation. Es in die Welt zu tragen ist nicht erst seit den Tagen der Aufklärung, als Enlightenment zum Epochenprogramm erhoben wurde, geradezu ein metaphorischer Imperativ.

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