Rudolf Steiner, Anthroposoph, Rassist – ein Fall für die Cancel-Culture?


Er ist der Säulenheilige einer ganzheitlichen Lebensführung, die heute einen Megatrend darstellt. Und doch steht der Anthroposoph Rudolf Steiner keineswegs mit weisser Weste da. Seine Schriften sind voll rassistischer Töne. Nur will das kaum jemand zur Kenntnis nehmen.

Peter Strasser | Neue Zürcher Zeitung

Es ist wie mit Goethes Zauberlehrling: «Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los!» Wer als Moralapostel mit öffentlicher Kritik nicht spart, muss damit rechnen, dass sich die Kritik verselbständigt – und plötzlich steht einem die Flut der Anschuldigungen selbst bis zum Hals. Einmal sensibilisiert, wurde mir auffällig, dass die sonst so hellhörigen Ohren aus dem Lager der politischen Korrektheit für die rassistischen Töne aus dem Lager der Anthroposophie taub zu sein scheinen. Aus der anthroposophischen Lehre soll der Menschheit eine undogmatische Spiritualität erwachsen, die, über jeden Zweifel erhaben, allen Menschen, welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts, welcher Religion auch immer, die gleiche Würde und Behandlung zuteilwerden lässt.

Es ist vornehmlich das liberale, gebildete Bürgertum, das seine Kinder in die Waldorf-Schulen schickt, um ihren Geist zu öffnen und ihre Kreativität zu fördern gemäss dem Motto des Joseph Beuys, der sich am anthroposophischen Weltbild orientierte: «Jeder Mensch ist ein Künstler!» So plakativ die Aussage anmutet, legt sie immerhin nahe, dass kein Mensch einen anderen für minderwertiger erachten darf.

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