Apropos Virus

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Zur Debatte „Die Republik auf allen Viren“: Worüber Soziologen sprechen, wenn sie von Corona reden

Georg Schuster | TELEPOLIS

Der wortspielende Titel der 49. Frankfurter Römerberggespräche Ende Mai stand für ihren unvermeidlichen Gegenstand. Dass die geladenen Gesellschaftswissenschaftler die Corona-Krise zum Anlass nahmen, ihre Ansichten dazu vorzutragen, ist weder verwunderlich noch kritikabel. Auf das, was da überwiegend präsentiert wurde, treffen beide Adjektive allerdings zu.

Von den entsprechenden Referenten war nämlich mehr über bürgerliche Wissenschaft zu erfahren als von ihr, was zur Folge hatte, dass die Auskünfte zur Pandemie und zu ihrer politischen Bewältigung überwiegend in akademischer Verfremdung daherkamen. Dazu ein Kommentar, der das mündlich Vorgetragene der Einfachheit halber meist sinngemäß und zusammenfassend zitiert, welches bei Bedarf auf YouTube jederzeit nachzuhören ist.1

Struktureller Eigensinn

Der Münchener Soziologe Armin Nassehi, auch beratend für zwei Landesregierungen tätig, widmete sich den Problemen, die das Virus aus seiner Sicht dem System Gesellschaft und ihren Subsystemen bereite. Für das ökonomische System sei es schwierig, das politische zu sachorientierten Entscheidungen zu bewegen, und die „Sachdimension“ selbst sei oft unklar. Die Politik handle unentschlossen und habe es nicht geschafft, nach dem ersten Lockdown den absehbaren zweiten angemessen vorzubereiten und durchzuführen, weil angeblich der „gesellschaftlichen Alltags- und Gegenwärtigkeit-Orientierung“ nachgegeben wurde.

Die Erkenntnisse des Wissenschaftssystems ließen sich nicht einfach in Handlung übersetzen, und Sacherklärungen produzierten noch keine Massenloyalität. Zwar gebe es eine kollektive Herausforderung, aber es fehlten die kollektiven Antworten.

Der Sache nach berühren solche Fragen die Widersprüche, die die Pandemie in einer Marktwirtschaft und bei der staatlichen Krisenbewältigung hervorbringt. In der marktverfassten Demokratie verleiht der Staat seinen Erwerbsbürgern das Recht, sich in lauter Gegensätzen zueinander um ihr Ein- und Auskommen zu kümmern.

Diesen geldvermehrenden Zusammenhang, aus dem auch er sich finanziert, bricht der Staat pandemiebedingt dadurch auf, dass er der Volksgesundheit Rechnung tragen muss. Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Mieter und Vermieter, Käufer und Verkäufer u.a. reklamieren ihn daher umso mehr und zugleich als Schutzmacht ihrer Einkommensquellen, ihrer Gesundheit und ihrer Rechte.

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