Lesen lernen für postfaktische Zeiten


Fakt und Fiktion, Schein oder Sein: In den labyrinthischen Erzählungen von Jorge Luis Borges gibt es keine sichere Erkenntnis. Der Romanist Gerhard Poppenberg versteht ihn gerade in Zeiten von Fake News als Vordenker einer neuen Aufklärung.

Gerhard Poppenberg im Gespräch mit Wolfram Eilenberger | Deutschlandfunk Kultur

Schöpfer literarischer Labyrinthe: Der argentinische Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges gilt als Mitbegründer des Magischen Realismus. (imago / Leemage / Sophie Bassouls)

Regale, die sich unter der Last der Bücher biegen, Raum für Raum bis hoch unter die Decke: In seiner Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ entwirft der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges (1899–1986) einen utopischen Ort unerschöpflichen Wissens und führt zugleich seine Leserinnen und Leser in die Irre.

Denn Borges‘ fiktive Bibliothek versammle nicht nur alle großen Errungenschaften menschlicher Kultur und Gelehrsamkeit, erläutert der Romanist und Literaturwissenschaftler Gerhard Poppenberg. Sie enthalte schlichtweg sämtliche denkbaren Kombinationen, die sich mit den 26 Buchstaben des Alphabets zwischen Buchdeckeln herstellen ließen.

Philosophie und Poesie in einem Meer von Nonsens

„Innerhalb dieser unendlichen Menge von Büchern ist 90 Prozent Blödsinn“, sagt Poppenberg, „weil es Zufallskombinationen der 26 Zeichen sind“. Aber die Pointe der Geschichte liege in dem Gedankenspiel, dass man die Menge der Kombinationen nur groß genug veranschlagen müsse, damit darin „irgendwann auch die ‚Kritik der reinen Vernunft‘ oder Goethes ‚Faust‘“ auftauchten.

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