Ruhe vor dem Delta-Lockdown?

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Während derzeit Corona-Maßnahmen zurückgenommen werden, droht eine erneute Zuspitzung nach dem Sommer. Warum bereitet sich darauf niemand vor?

Harald Neuber | TELEPOLIS

Deutschland macht sich locker: Bundesweit werden angesichts sinkender Infektionszahlen die restriktiven Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Corona-Virus Sars-CoV-2 zurückgenommen. Vielerorts sind die Schulen vor den Sommerferien zum Präsenzunterricht zurückgekehrt, in Brandenburg fällt die Maskenpflicht im Freien, Konzerte und Kulturveranstaltungen finden wieder statt.

Doch wie nachhaltig ist die neue, alte Normalität? Bei dem Blick in die Schlagzeilen hat man ein Déjà-vu: Während sich auf der einen Seite Politiker für möglichst rasche und möglichst umfassende Öffnungen aussprechen, warnen Gesundheitspolitiker vor neuen Varianten des Virus. Gab es das nicht schon einmal, vor einem Jahr?

In Großbritannien sind die Infektionszahlen aufgrund der massiven Ausbreitung der sogenannten Delta-Variante wieder nach oben geschnellt, für den kommenden Montag geplante Öffnungen wurden abgesagt. Vor diesem Hintergrund sucht man in Deutschland vergeblich ein kohärentes Konzept der politischen Entscheidungsträger in Bund und Ländern gegen eine entsprechende Entwicklung auch hierzulande.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow gehört zu denjenigen Politikern, die für weitgehende Öffnungen auch nach dem Sommer plädieren. „Ich glaube, wir können das Risiko der kompletten Öffnung im Herbst eingehen“, sagte der Linken-Politiker in der vergangenen Woche der Rheinischen Post. Um gleich wieder einzuschränken: Der Staat müsse aber Vorsorge für den Fall treffen, dass die Corona-Infektionszahlen wieder steigen. Dies solle aber nicht mit den Methoden geschehen, die vor eineinhalb Jahren Anwendung gefunden haben, fügte er an: „Die wir aus Unkenntnis angewandt haben. Da müssen wir uns weiterentwickeln.“

Die SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), forderte in derselben Zeitung bundeseinheitliche Regelungen etwa für Großveranstaltungen oder Reisen.

Versprechen paaren sich mit Hätte-Solle-Müsse-Formulierungen. Konkret ist bei den vergangenen Konferenzen der Bundesländer sowie von Bund und Ländern aber wenig geschehen.

Entwicklung durch neue Mutationen wird ignoriert

Dabei zeichnet sich eine neue Zuspitzung des Infektionsgeschehens ab. In Großbritannien wurde die Rücknahme aller restriktiven Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie gerade zurückgenommen, nachdem die Sieben-Tage-Inzidenz gerade von 20 auf 70 hochgeschnellt ist.

Grund ist die sogenannte Delta-Variante des Virus, die zuerst in Indien nachgewiesen worden war. Inzwischen sind gut 90 Prozent der Neuinfektionen im Großbritannien auf diese Mutation zurückzuführen. Die Variante soll, so heißt es, deutlich ansteckender als Vorgängertypen sein und damit eine schnellere Ausbreitung begünstigen.

Zugleich haben die Infektionen in einem stärkeren Maße erkältungsähnliche Symptome zur Folge, sodass sie weniger auffallen. Experten gehen davon aus, dass die Infektionszahlen – schreitet die Impfkampagne nicht massiv voran – auch in Deutschland und anderen Teilen Europas wieder ansteigen werden.

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