Welche Identität ist die wahre?


Europas Gesellschaften sind gespalten: Zwei unversöhnliche Meinungsblöcke trennt die Frage, wer „zu uns“ gehört. Hierzulande sind allerdings beide zusammen in der Minderheit

Bernd Müller | TELEPOLIS

In Deutschland will es die Mehrheit bisher nicht schwarz-weiß sehen. Foto: Alexas_Fotos auf Pixabay (Public Domain)

In Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern ist die Gesellschaft gespalten. Das ergab eine Umfrage des Universität Münster, die unter 5.011 Menschen in Deutschland, Frankreich, Polen und Schweden durchgeführt wurde. In all diesen Ländern haben sich zwei verfestigte Lager mit extrem gegensätzlichen Haltungen gebildet. Damit sei „erstmals empirisch eine identitätspolitische Spaltung europäischer Gesellschaften“ nachgewiesen worden, heißt es in einer Erklärung der Universität. In Deutschland gehört aber demnach die Mehrheit der Bevölkerung zurzeit keinem der beiden verfestigten Lager an.

„Wer gehört zu unserem Land, wer bedroht wen, wer ist benachteiligt? Über alle Identitätsfragen dieser Art hinweg, zeigen die ersten Auswertungen der Erhebung eine neue Konfliktlinie zwischen den beiden Gruppen, die fast spiegelbildliche Meinungen zeigen. In Identitätsdebatten haben sich die Meinungen scheinbar unvereinbaren Konfliktpositionen verhärtet“, sagte Mitja Back, Professor der Psychologie und Sprecher des Forscherteams.

„Verteidiger“ und „Entdecker“

In Deutschland werden etwas mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung einer der beiden „verfeindeten“ Gruppen zugerechnet, in Frankreich ist es ein Viertel, in Schweden ist mit 44 Prozent fast jeder Zweite Teil einer solchen Gruppe zuzurechnen – und in Polen sind es 72 Prozent. Die Wissenschaftler nennen die beiden Lager „Verteidiger“ und „Entdecker“. In Deutschland zählen zur ersten Gruppe etwa 20 Prozent und zur zweiten 14 Prozent, in Schweden zählen 29 Prozent zu den „Verteidigern“ und 15 Prozent zu den „Entdeckern“.

Die „Verteidiger“ vertreten eher die Haltung: Zum eigenen Land gehört nur, wer in diesem Land geboren wurde, Vorfahren der ethnisch-nationalen Mehrheit hat oder zumindest der dominanten Religion angehört. Sie verteidigen damit traditionelle Kriterien wie ethnische und religiöse Homogenität. Gleichzeitig fühlen sie sich von Fremden wie Muslimen und Geflüchteten bedroht sowie selbst benachteiligt. Sie misstrauen den politischen Institutionen und seien unzufriedener mit der Demokratie.

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