Thomas Mann und der Zionismus


Viel ist in der Forschung vom widersprüchlichen Verhältnis des Autors zu allem Jüdischen die Rede. Komplett unterbeleuchtet ist, dass der Autor glühender Unterstützer des jüdischen Staates war

Kai Sina | Jüdische Allgemeine

»Ein großer und schöner Plan«: Thomas Mann Foto: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Wenn es um Thomas Manns hochkomplexes Verhältnis zum Judentum geht, scheint heute jeder Vorwurf, jedes noch so pauschale Urteil gerechtfertigt. Dies zeigte sich bei einer jüngst vom Thomas-Mann-Haus in Los Angeles angeregten Online-Debatte über Manns große Rede zu »Deutschland und die Deutschen« von 1945, in der er die Entstehung des Nationalsozialismus aus dem Geist der deutschen Innerlichkeit zu erklären versuchte.

Warum, so monierten einige Kritiker mit betroffener Geste, sprach Mann in seiner Rede nicht ausdrücklich von der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden?

Unter der Hand ist damit nahegelegt, Thomas Mann habe die Gräueltat des Judenmords in seiner Rede unter den Teppich kehren wollen – ausgerechnet er, der in seinen Radioreden als einer der ersten Intellektuellen die deutsche und die Weltöffentlichkeit auf die Schande der Konzentrationslager hingewiesen und bereits 1943 in einer Rede vor 10.000 Zuhörern in San Francisco die »wahnsinnige Entschlossenheit zur totalen Ausrottung des europäischen Judentums« angeklagt hatte.

Thomas Manns Begegnung mit dem Münchener Zionisten Elias Straus änderte alles.

Man muss mit Thomas Manns Deutschland-Rede nicht in allen Punkten übereinstimmen, beileibe nicht, und über die oft klischeehafte, mit Negativstereotypen behaftete Zeichnung einiger jüdischer Figuren in seinen literarischen Werken wurde zu Recht viel Kritisches gesagt, am nachdrücklichsten vielleicht von Ruth Klüger.

weiterlesen