„Germanen versus Slawen“


Der größte Genozid der Geschichte: „Antislawismus“ als Völkermord-Ideologie hinter dem deutschen Vernichtungskrieg im Osten

Peter Bürger | TELEPOLIS

Russland(Sowjetunion), September 1941; Wehrmacht-Erschießungskommando bei der Umsetzung der Lebensraum-Politik. Bild: Bundesarchiv, Bild 101I-212-0221-06 / Thiede / CC-BY-SA 3.0

In einem Begleittext verweist das „Deutsche Historische Museum“ Berlin die Betrachter des Propaganda-Heftes „Der Untermensch“ (1942/43) auf jenen „anderen“ Völkermord, der wie die Vernichtung der Juden, Sinti und Roma mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden ist:

Der nationalsozialistische Rassenwahn richtete sich gegen die slawische Bevölkerung Osteuropas in ihrer Gesamtheit. Sie hatte durch Massenmord, Hungertod oder Seuchen den Verlust vieler Millionen Menschen zu beklagen.

Deutsche Historische Museum – Berlin

Zum 80. Jahrestag des „Unternehmens Barbarossa“ soll dieser Beitrag schwerpunktmäßig an den eliminatorischen – mordbereiten – Antislawismus erinnern, dessen Verschweigung der Regelfall und dessen Benennung noch immer die Ausnahme ist.

Der Auftakt zur Todeswalze der deutschen Waffenträger gen Osten erfolgte am 1. September 1939 in Polen und unterschied sich bereits grundlegend von den nachfolgenden Überfällen der Wehrmacht auf westeuropäische, als „artverwandt“ betrachtete Länder.

Der am 22. Juni 1941 begonnene Angriff gegen die Sowjetunion war dann von Anfang an als ein Komplex von Eroberung („Lebensraum“-Politik), Ressourcenraub und Vernichtung angelegt, wobei sich „Planänderungen“ und weitere Radikalisierungen des Mordunternehmens im Kriegsverlauf ergaben. Hitler hatte allen Eingeweihten im Vorfeld eingeschärft, den Umstand einer reinen Angriffskriegsplanung dauerhaft vor der Welt geheim zu halten. (Der Propaganda-Mythos, es habe sich um einen „Präventivkrieg“ zur Verteidigung Deutschlands oder gar Europas gehandelt, wird von Leseunkundigen bis heute weitererzählt!)

Die Wehrmacht unter der Oberbefehlsgewalt des „Führers“ war eine integrierte Grundsäule im NS-Staat. Sie muss als der maßgebliche militärische Akteur des als Krieg vollzogenen Völkermordens in unser Blickfeld kommen. Ihr Apparat übernahm durch Schrifttum und Schulungswesen auch weithin selbst die rassistische Indoktrination des Heeres zur Steigerung der – neuerdings in Potsdam wieder gepriesenen – soldatischen Tötungsbereitschaft und benötigte somit – wie Wolfram Wette in seinem Buch „Die Wehrmacht“ anmerkt – an sich gar keine zusätzlichen externen „Politkommissare“.

Die grundlegenden Kriegszielvorgaben und die zu ihrer Umsetzung bemühten Legitimationen, „Motivationen“ bzw. Feindbildkomplexe – samt der erst ab den frühen 1980er Jahren publizierten Geheimbefehle – gehörten zum „Inventar“ der Wehrmacht. Die deutsche Mörderarmee war längst „auf Linie“ der Staatsführung und pulverisierte in ihrer Mitte alle möglicherweise noch verbliebenen Völkerrechtserinnerungen.

Abstimmung und Kooperation mit „Himmlers spezialisierten Genozid-Sondereinheiten“ (500.000 Männer) erfolgten planmäßig. An unzähligen Frontabschnitten, die Tatorte der Shoa waren, konnten Soldaten des nazifizierten Heeres nur Unwissende bleiben, wenn sie sich entschieden hatten, zu sehen und doch nichts zu sehen, zu hören und doch nichts zu hören, zu schießen und es hinterher zu vergessen.

Dimensionen der Vernichtung

Der Schlusssatz des Eingangszitates aus dem „Deutschen Historischen Museum“ ist ungenau. Der gemachte Seuchentod und das – entweder planmäßig herbeigeführte, bewusst in Kauf genommene oder der Kriegsführung zwangsläufig nachfolgende – Verhungern von vielen Millionen Opfern gehörten genauso zur Massenmordapparatur wie etwa Erschießungskommandos, Galgenstricke, Flammenterror oder Bombardierungen.

Das an sich berechtigte Ansinnen, zu unterscheiden, was einem Masterplan oder doch Pläne-Konglomerat unter dem Vorzeichen von „Antislawismus“ zuzuordnen ist und welche Anteile des Völkermordes z.B. aus der Dynamik einer abgründigen Militärapparatur resultierten, führt leicht in die Irre.

Im Zentrum der Kriegsdoktrin stand eine „rassenbiologische Weltanschauung“. Die Opfer von vermeintlich regulären Militäraktionen der deutschen Angriffskrieger, Raub der Lebensgrundlagen, Belagerungen zur Aushungerung (über eine Millionen Opfer allein in Leningrad), Massenhinrichtungen unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung, Massenerschießungen von unbewaffneten Kriegsgefangenen, Internierungs-Regimen (ohne Versorgung, Nahrung, Kälteschutz, Hygiene, medizinische Hilfe …), Deportationen, Arbeitssklaven-Programmen, Vertreibungen oder Strategien der „verbrannten Erde“ zählen gleichermaßen zu den Toten eines zusammenhängenden Völkermords!

Es besteht ein Interesse der gesamten Menschheitsfamilie daran, die Dimensionen der Vernichtung, die angesichts der unfassbaren Ausmaße des Verbrechens immer nur exemplarisch erforscht werden können, in seriösen wissenschaftlichen Kooperationen und Kontroversen breiter zu vermitteln. Nicht Hunderttausende, nein Millionen Täter waren beteiligt. Ein Großteil der Morde an insgesamt sechs Millionen Juden erfolgte auf dem Feldzug gen Osten.

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