Kurt Flaschs Buch „Christentum und Aufklärung“: Gegen das barbarische Nörgeln


Menschenfeindliche Ideologie oder einfacher, guter Glaube: Der Philosophiehistoriker Kurt Flasch fragt mit Voltaire nach dem Verhältnis von Christentum und Aufklärung.

Johann Hinrich Claussen | Süddeutsche Zeitung

„Warum immer darauf aus sein, dass Gott verborgen sei? Es wäre doch viel schöner, er wäre manifest“, antwortete Voltaire (re.) auf Pascals Diktum vom verborgenen Gott.

Es kann heikel werden, wenn man das neue Buch eines älteren, hochverdienten Autoren zu besprechen hat. Soll man es kritisch unter die Lupe nehmen wie alle anderen Neuerscheinungen? Wirkte das nicht unangemessen, irgendwie peinlich? Andererseits, täte man es nicht, würde man den Eindruck erwecken, den Autor nicht mehr für voll zu nehmen, nur weil er eine gewisse Zeitgrenze überschritten hat. Dann verwandelte sich der Respekt vor dem Alter in Herablassung. Nun hat der Philosophiehistoriker Kurt Flasch, der unzählige gelehrte und überaus anregende Werke zur älteren und neueren Geistesgeschichte verfasst hat, eine neue Veröffentlichung vorgelegt. Er ist 91 Jahre alt. Zum Glück aber ist hier alles ganz einfach: Es ist schlicht ein interessantes, nachdenkliches Buch voller Überraschungen.

Flasch nimmt sich ein klassisches Thema vor und gibt ihm eine originelle Wendung. Er will das Verhältnis von Christentum und Aufklärung untersuchen, genauer gesagt herausfinden, ob eine Aufklärung des Christentums möglich sei. Dazu wählt er eine epochale Konstellation und analysiert eine faszinierende Quelle, die hierzulande kaum bekannt ist: über 200 Notizen, die sich Voltaire, der von 1694 bis 1778 lebte, zu den 800 Papieren gemacht hat, in denen Blaise Pascal, der von 1623 bis 1662 lebte, sein Verständnis der christlichen Religion niedergelegt hatte.

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