Hinter den Mauern der Moral


In einem Essay polemisiert der Germanist Moritz Baßler gegen Literatur als politische Wohlfühllektüre. Die Zeitschriftenkolumne.

Gregor Dotzauer | DER TAGESSPIEGEL

Im Bann des Buches. Eine sprichwörtliche Leseratte, entdeckt als Skulptur im steiermärkischen Neumarkt.Foto: Herzi Pinki

Für eine echte Debatte ist das Ganze noch nicht über eine erste Runde hinausgekommen. Die Attacke, die Moritz Baßler, der Professor Pop unter Deutschlands Germanisten, in der Frühjahrsausgabe von „Pop, Kultur und Kritik“ (pop-zeitschrift.de) gegen politische Wohlfühllektüren in der Literatur reitet, hat ein paar pflichtschuldige Entgegnungen auf sich gezogen. Baßlers gedankliche Schärfe erreichen sie schon deshalb nicht, weil ihnen genau jener Sinn für die Ambivalenz der eigenen Position fehlt, die seine Polemik so stark macht.

Er weiß, auf welch hohem Ross er sitzt, wenn er mit seiner Lanze in „niedrigqualifizierte Meinungsblasen“ hineinsticht und glücklichen Leserinnen und Lesern „sowohl Geschmack als auch intellektuelle Kapazität“ abspricht. Man muss ihn auch nicht darauf stoßen, dass sein jugendlich daher galoppierendes Pferd eine alte kulturkritische Schindmähre sein könnte. Wie sehr sich Literatur seit dem Aufkommen einer bürgerlichen Öffentlichkeit in Triviales und Nichttriviales aufspalten lässt und wie hoch der Anteil an zielgruppengenauer Bedürfnisbefriedigung ist, bedenkt er ausführlich.

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