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Während manche hierzulande von Diktatur faseln, wird unser Korrespondent in China tatsächlich von einer Corona-App umfassend überwacht. Ein Kontrollbericht

Christoph Giesen | TELEPOLIS

Mein Leben in Peking wird jetzt von einer App bestimmt: Ist sie gnädig, darf ich mich mit Freunden in einem Café treffen oder im Shoppingcenter einkaufen gehen. Dazu muss ich jedes Mal am Eingang mit meinem Smartphone einen Code scannen und darauf hoffen, dass auf dem Display die grünen Schriftzeichen erscheinen: „Kein abnormaler Zustand.“ Kein Corona also.

Ohne diese App kann ich nicht mehr zum Bäcker gehen, nicht mehr zur Bank und auch nicht in die meisten Restaurants. Ich kann nicht mit dem Zug fahren oder ein Flugzeug besteigen. Gerate ich in eine Polizeikontrolle oder checke in einem Hotel ein, wird mit Sicherheit von mir verlangt, die App vorzuzeigen. Beinahe über Nacht hat sich China dem Urteil eines Algorithmus unterworfen, der unbarmherzig Türsteher spielt.

Vor ein paar Tagen traf es mich: Ich war zum Frühstück in einem Hotel verabredet. Der Portier maß zuerst meine Temperatur. 36,1 Grad. „Und jetzt noch rasch die App“, sagte er. Ich zog mein Handy hervor und scannte den Code, der auf ein Stück Pappe gedruckt worden war. Diesmal erschienen keine grünen Schriftzeichen, sondern gelbe: „Beobachtung zu Hause“, zeigte die App an. Der Portier guckte betroffen. Nach ein paar Sekunden sagte er: „Sorry, leider kann ich Sie nicht reinlassen.“ Mir blieb nichts anderes übrig, als den Termin abzusagen und nach Hause zu laufen.

Wer nicht einverstanden ist, soll unter 12345 den Bürgermeister anrufen

Hatte ich etwa Corona? Unmöglich: Mein letzter Test lag erst eine Woche zurück, er war negativ. Und offiziell gab es seitdem keine Neuansteckungen in Peking. Wer mit dem Urteil der App nicht einverstanden ist, kann die Hotline des Pekinger Oberbürgermeisters anrufen. Die Nummer ist recht einprägsam: 12345. Leider habe ich noch niemanden getroffen, der jemals durchgekommen wäre, auch bei mir war die Leitung ständig besetzt. Am nächsten Tag zeigte meine App wieder Grün an, als wäre nichts gewesen. Ein Programmierfehler? Oder war es Absicht?

Die erste Version der App kam am 9. Februar auf den Markt, keine drei Wochen nachdem die chinesischen Behörden die Millionenstadt Wuhan abgeriegelt hatten. Die Idee: Ein digitales Gesundheitszertifikat, das entweder mit Alipay, dem Bezahldienst des Internetgroßhändlers Alibaba, verknüpft ist oder mit Wechat, dem wichtigsten Messenger des Landes. Anfänglich ging es vor allem darum, Reiseinformationen zu sammeln: Wer war in Wuhan, dem Ursprungsort des Virus? Grün bedeutet seitdem, dass man sich frei bewegen darf. Gelb: Quarantäne. Und Rot: Man hat ziemlich sicher Corona.

Auch in Deutschland wird viel darüber diskutiert, wie eine Tracing-App funktionieren könnte, nämlich anonym und freiwillig. Daten sollen ausschließlich gesammelt werden, um „die Nutzer wissen zu lassen, ob sie in engem Kontakt mit anderen, bereits infizierten Nutzern standen – ohne die jeweilige Identität zu offenbaren“, heißt es in einer Selbstverpflichtung der beteiligten Konzerne. In China dagegen bin ich nachgerade gläsern.

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