Religionssoziologe: Kirche muss ihre flächendeckende Präsenz aufgeben


Angesichts hoher Austrittszahlen sieht die Zukunft der Kirche nicht rosig aus. Religionssoziologe Michael Ebertz findet, dass sie ihre Angebote viel stärker auf einzelne gesellschaftliche Gruppen zuschneiden sollte. Dazu müsse sich die Seelsorge radikal ändern, fordert er im Interview mit katholisch.de.

Gabriele Höfling | katholisch.de

Die grade veröffentlichten Kirchenaustrittszahlen 2020 sind zwar nicht ganz so hoch wie 2019. Aber immer noch haben in einem Jahr noch weit mehr als 200.000 Menschen die Kirche verlassen. Der Religionssoziologe Michael Ebertz appelliert daher an die Kirchen, ihr Angebot an die Menschen radikal zu ändern und viel stärker auf die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die Milieus einzugehen. Das Konzept der Pfarreien sieht er jedenfalls überholt.

Frage: Herr Professor Ebertz, Sie kennen sich aus mit sozialen Milieus. Seit einer Studie der Universität Freiburg 2019 wissen wir, dass die Zahl der Kirchenmitglieder bis 2060 sogar um die Hälfte schrumpfen wird. Wie hängt beides – die Beschaffenheit der Milieus und die Schrumpfung der Kirche – zusammen?

Ebertz: Die Freiburger Prognose von 2019 hat nicht mit der Milieu-Differenzierung gearbeitet. Sie basiert auf rein demografischen Entwicklungsdaten und fragt vor allem, was der prognostizierte Mitgliederrückgang für die Finanzkraft der Kirche bedeutet. Die Studie im Auftrag der Bischofskonferenz hat ein Lehrstuhl für Finanzwissenschaft erstellt. Da spielen Milieus überhaupt keine Rolle – und allein das lässt schon aufhorchen. Weshalb um alles in der Welt wird keine Rücksicht genommen auf die Milieu-Differenzierung, die ja gut erforscht ist? Das macht mich wütend. Die Kirche oder zumindest einige ihrer Repräsentanten scheinen ignorant zu sein gegenüber sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen, besonders der Milieu-Forschung. Es scheinen Aspekte der Quantität statt der Qualität vorzuherrschen.

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